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Mit Gewalt gegen Gewalt?

Liestal bei Basel/Schweiz | 01.10.2014 | APD | Schweiz

Mit Luftangriffen und Waffenlieferungen reagieren westliche Staaten derzeit auf den Terror der IS-Milizen im Irak und in Syrien. Eine Reaktion, die angesichts der geschilderten Gräueltaten vielerorts Zustimmung finde. Zunehmend auch in den Kirchen. Protestierten diese 2003 noch weitgehend einmütig gegen die amerikanische Invasion im Irak, mehrten sich jene Stimmen, die in den militärischen Interventionen eine dem christlichen Glauben angemessene Form von Verantwortungsübernahme sehen, stellt das Theologische Seminar Bienenberg in Liestal bei Basel in seiner Stellungnahme „Mit Gewalt gegen Gewalt“ aus friedenskirchlicher Optik fest.

Die Dozenten des Seminars stehen nach eigenen Angaben in einer friedenskirchlichen Tradition, die ihr pazifistisches Engagement aus dem Leben, Sterben und der Auferstehung Jesu Christi ableitet. Auch sie seien tief erschüttert, wenn wir hören, wie Christen und andere Minderheiten verfolgt und hingerichtet werden. Auch sie verspürten Ohnmacht, Wut und den Wunsch, dass diesem brutalen Vorgehen schnell ein Ende bereitet wird. „Trotzdem glauben wir, dass pazifistische Überzeugungen in dieser Situation nicht hinfällig geworden sind. Gerade als Christen sehen wir uns jetzt herausgefordert, vom Evangelium her einen gewaltfreien Umgang mit den Feinden zu suchen.“

Pazifismus naiv?
Wenn auch jetzt wieder der christliche Pazifismus als naiv bezeichnet werde, sei das kein neuer, sondern ein bekannter und stets wiederkehrender Vorwurf. Dabei gelte zu bedenken: Als die letzten US-Truppen im Dezember 2011 abgezogen wurden, hinterliessen sie eine politisch instabile Region mit einem Machtvakuum, das seither immer mehr von radikalen Gruppierungen gefüllt werde. Der militärische Einsatz im Irak habe zwar einen Diktator beseitigt, aber auch neue Gewaltexzesse erst ermöglicht. Was würde wohl geschehen, wenn in spannungsvollen Situationen mindestens so viele Gelder in Prävention oder Wiederaufbau, einschliesslich Traumaverarbeitung, gesteckt würden, wie in das Waffenarsenal, das angeblich den Frieden sichern oder wiederherstellen soll?, fragen die Theologen vom Bienenberg.

Pazifismus keine teilnahmslose Passivität
Eine friedenstheologische Position sei nicht gleichbedeutend mit teilnahmsloser Passivität. Das Böse müsse konfrontiert werden. Aber militärische Gewalt erscheine dazu ungeeignet. Ein Blick in die Geschichte zeige: So mancher „gerechte Krieg“ sei entgegen der ursprünglichen oder offiziellen Absicht mit zweifelhaften Motiven geführt worden. Stattdessen sei das Gebet eine alternative Möglichkeit. Viele Christen würden Gott im Gebet um erstaunliche Dinge bitten. Wer etwa trotz schlechten Wetterprognosen um schönes Wetter bitte, erwarte nicht weniger, als dass Gott die meteorologischen Gesetzmässigkeiten ausser Kraft setze. „Warum schwindet dieses Vertrauen in Gottes Möglichkeiten aber oft so rasch, wenn es um Krieg und Frieden geht?“

Oft unbeachtet von der öffentlichen Berichterstattung wagten Menschen in verschiedenen Konfliktregionen dieser Erde, sich ohne Waffen zwischen die Fronten zu stellen. Sie verschlössen die Augen nicht vor dem Bösen, sondern konfrontierten es mutig mit ihrer unbewaffneten Präsenz. In ihrer Verletzlichkeit durchbrächen sie das klassische Freund-Feind-Schema, was unerwartete Handlungsspielräume ermöglichen könne. Die täuferische Geschichte erinnere auch an viele Menschen, die auf Repression und Verfolgung mit Flucht reagierten. Viele hätten dabei enorme Solidarität und Gastfreundschaft erlebt. Mit einer ähnlichen Grosszügigkeit könnten Christen in diesen Tagen ebenfalls Verantwortung übernehmen.

Unter dem Stichwort „just policing“ würden kirchliche Kreise über den Einsatz internationaler Polizeitruppen nachdenken. Ausgebildet in gewaltfreier Konfliktlösung und gebunden an internationales Recht und Menschenrechte, könnten sie eingesetzt werden, um Menschen zu schützen. Ob das gänzlich ohne Waffen möglich wäre, sei umstritten. Würden diese jedoch nur sehr zurückhaltend – beispielsweise zur Sicherung eines Flüchtlingskorridors – eingesetzt, wäre das dennoch eine gänzlich andere Strategie, als mit einem grossangelegten Militäreinsatz die Vernichtung des Feindes anzustreben.

Böses mit Gutem überwinden?
Es gebe durchaus einige „irritierende Texte“ in der Bibel, in denen Gewalt als von Gott gewollt oder zumindest als legitimiert beschrieben werde. Davon eine pauschale Aussage abzuleiten, dass Gewalt manchmal nötig sei, scheine unangemessen. Denn die grossen Linien der gesamtbiblischen Botschaft zeigten, was Gott am Herzen liege: Schalom – gerechter Friede. Am deutlichsten komme dieser umfassende Friedenswille in Jesus zum Ausdruck. Kompromisslos habe er gegen jede Pseudoreligion, Ungerechtigkeit und Selbstgerechtigkeit gekämpft und dennoch seine Feinde geliebt, anstatt sie zu töten. „Als Christen sehen wir uns daher gerufen, den Spuren Jesu zu folgen und das Böse durch das Gute zu überwinden“, betonen die Dozenten des Theologischen Seminars Bienenberg. Dabei seien sie sich bewusst, dass es keine Garantie dafür gebe, dass dieser Weg immer den gewünschten und leidensfreien Erfolg bringe. Quer durch die Jahrhunderte hätten schalomstiftende Menschen mitunter einen sehr hohen Preis bezahlt. „Es ist aber die Auferstehungsbotschaft, die in uns den Glauben weckt, dass Feindschaft und Tod nicht das letzte Wort haben, sondern Gottes zurechtbringende Liebe. So beten wir, dass unsere Angst jener Liebe weicht, die auch dem Feind gilt.“

Die Stellungnahme „Mit Gewalt gegen Gewalt?“ kann im Internet unter http://www.bienenberg-blog.ch/wp-content/uploads/2014/09/Zu-den-Waffen-greifen_StellungnahmeTSBKollegium_fin.pdf heruntergeladen werden.

Das Ausbildungs- und Tagungszentrum Bienenberg wird von acht Gemeindeverbänden aus Deutschland, der Schweiz und Frankreich getragen, die der täuferischen Tradition angehören.

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