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„Abend der Apostasie“ - Abwendung von Religionszugehörigkeit
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Zürich/Schweiz, 22.06.2017 / APD

Am Abend des 21. Juni, Welthumanistentag, einem Feiertag für Konfessionslose, versammelten sich rund 50 Personen im Cabaret Cornichon in Zürich zum „Abend der Apostasie“. Wikipedia beschreibt Apostasie als Abwendung von einer Religionszugehörigkeit, die in die Konfessionslosigkeit oder in eine andere Konfession führen kann. Raphael Dorigo (24), ehemaliges Mitglied der evangelisch-reformierten Kirche in Riehen/BS schilderte in einem Referat seinen Weg im reformierten Glauben sowie seine Zweifel, die ihn zum Kirchenaustritt geführt haben. Im anschliessenden Podiumsgespräch mit einem ehemaligen Muslim, einer Ex-Mormonin, einem orthodoxen Juden, der seinen Unglauben aus familiären Gründen nur verdeckt leben kann, wurden sehr persönliche Einblicke in ihren je individuellen, meist auch emotional schwierigen Prozess gegeben, der mit dem Abschied von einem religiösen Glauben verbunden sein kann.

© Foto: dandie | churchphoto.de

In der Ankündigung des Abends steht, dass Apostaten Menschen seien, die sich aus einer „stark religiösen Gemeinschaft“ verabschiedet haben. Der Referent Raphael Dorigo (24) war Mitglied der evangelisch-reformierten Kirche, die das 500jährige Reformationsjubiläum unter das Motto gestellt hat «quer denken – frei handeln – neu glauben». Dass es auch in landeskirchlichen und nicht nur in freikirchlichen Settings, wie dies meist kritisiert wird, zu problematischen Glaubenserfahrungen kommen kann, je nach persönlicher Disposition und entsprechendem Umfeld, zeigte Dorigos Referat.

Der Referent hatte einen längeren Prozess des Zweifelns an Bibelaussagen, theologischen Konzepten und kirchlichen Lehren wie Erbsünde, Theodizeefrage, „freier Wille“ auf denkerischer Ebene hinter sich, bis er sich vom christlichen Glauben verabschiedete. Dass es aber auch emotionale Anteile in dieser Entwicklung gibt, zeigte seine Aussage vom „Schweiss gebadet“ aus einem Angsttraum über den Antichristen aufzuwachen. Seine Schilderung einer „Höllenerfahrung“ im evangelikalen „Praise Camp 2012“, bei der die Jugendlichen in einem dunklen Raum geführt wurden und mit metallenen Kettengeräuschen und Schreien „aus der Hölle“ per Lautsprecher beschallt wurden, machte nachvollziehbar, dass eine fragliche biblische Lehre über die Hölle sowie religiöser Missbrauch individuell einiges auslösen und einen Ablöseprozess vom Glauben befördern kann.

Der Referent ist zum Schluss gekommen, dass es keinen Sinn mache, weiterhin an ein für ihn erloschenes Feuer zu glauben. Heute ist Dorigo, der in der evang. ref. Kirche aufgewachsen ist, aktiv in der Jugendarbeit war sowie sich mit einem Vollzeitjahr für die Kirche engagierte, seit eineinhalb Jahren Atheist, der in seinen Blogs mit „ungeschminkter Bibelkritik“ vom Atheismus überzeugen will.

Erfahrungsaustausch von Personen, die ihren religiösen Glauben aufgegeben haben
Das ans Referat anschliessende Podiumsgespräch wurde von Hansjörg Honegger, Journalist, moderiert und von Hugo Stamm, Sekten- und Religionsexperte, begleitet. Die Podiumsteilnehmenden schilderten ganz offen, wie sie mit dem Verlassen ihres ehemaligen Glaubens umgehen und mit welchen Problemen sie konfrontiert sind.

Religiöse Herkunft
Er sei als orthodoxer Jude aufgewachsen und habe seinen Glauben aufgegeben, sagte C., ein „heimlicher jüdisch-orthodoxer Ungläubiger“, wie er auf der Webseite der Veranstalter bezeichnet wurde. Er habe vier Jahre gebraucht, um seinen Unglauben gegenüber seiner jüdisch-orthodox glaubenden Frau zu outen. Er könne seinen Unglauben aber nicht öffentlich leben, da er mit seiner Frau zusammenlebe und diese mit den Kindern weiterhin orthodox glaube.

Carol Hamer, Ex-Mormonin aus den USA, sagte, dass sie sich früher selbst die Schuld gegeben habe für das, was sie nicht habe glauben können. Sie sei der Meinung gewesen, zur einzig wahren Kirche zu gehören. Trotz des Austritts habe sie immer noch Kontakt zu ihrer Familie.

Kacem El Ghazzali, Ex-Muslim, kam 2011 aus Marokko in die Schweiz. Er hielt fest, dass das Verlassen einer Religion bzw. eines Glaubens ein Prozess sei, der nicht über Nacht geschehe. Religion sei vor allem in muslimischen Kreisen auch Teil der eigenen Identität. Als publik geworden sei, dass er nicht mehr glaube, habe er Todesdrohungen erhalten. Mit der Familie habe er aber weiterhin guten Kontakt. Die Familie sei mehr unter Druck geraten, als er selbst, so Ghazzali.

Diese Schilderungen seien untypisch, kommentierte Hugo Stamm, Sekten- und Religionsexperte. Meist finde ein Kontaktabbruch zwischen Apostat und dessen Familie statt, speziell bei Jehovas Zeugen. Die Eltern fühlten sich schuldig für ihr Kind gegenüber der Glaubensgemeinschaft als auch gegenüber Gott.

Alltag als Apostat
Er halte sich auch an die Sabbatgesetze, sagte C. So dürfe er am Sabbat nicht Autofahren, da er sonst aus der kleinen jüdisch-orthodoxen Gemeinde ausgeschlossen würde. Er führte mit einem Lächeln an, dass andere Juden, die in der gleichen Situation wie er seien, wegen der strengen Sabbatgesetze jeweils am Sabbat auf dem WC per Handy miteinander chatten würden. Kacem El Ghazzali, Ex-Muslim, sagte dazu, dass Heuchelei ein Zeichen dafür sei, dass die Freiheit in einer Religion fehle, Transparenz im Denken und Reden aber Kennzeichen einer gesunden Gesellschaft sei. Mit Widersprüchen leben zu lernen, sei für Apostaten ehrenhaft und nicht heuchlerisch, kommentierte Hugo Stamm.

Austausch mit anderen Apostaten
Der Austausch mit anderen, die ihren Glauben aufgegeben hätten, sei sehr wichtig, sagte C., dies habe Ventilfunktion. Kacem El Ghazzali, der zum Thema bloggt, sprach von einem grossen emanzipatorischen Effekt, der das Internet in dieser Frage im Islam habe. Es gäbe in Marokko, seinem Herkunftsland, mehr Atheisten, als man früher angenommen habe. Die Gemeinsamkeiten der Apostaten beschränke sich aber meist auf diesen Themenbereich. Man sei sonst zu unterschiedlich.

Carol Hamer, Ex-Mormonin, die ebenfalls bloggt, ergänzte, dass der Austausch bei Ex-Mormonen wichtig sei, da sie oft auch eine Wut bezüglich ihrer Vergangenheit hätten. Dies betreffe vor allem jene Apostaten vom Mormonentum, die früher zwei Jahre ihres Lebens unter strengen, einschränkenden Bedingungen in Missionseinsätzen persönlich viel für jene Kirche gearbeitet und sich eingesetzt hätten, deren Glauben sie nun aber nicht mehr teilten.

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