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Katholizismus in Lateinamerika unter Druck
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Hamburg, Deutschland, 28.01.2005 / APD

Für die römisch-katholische Kirchenhierarchie hat sich Lateinamerika vom Hoffnungsträger zum Sorgenkind entwickelt, schreibt die in Hamburg erscheinende Missionszeitschrift "EineWelt" in einem Hintergrundbericht über die katholische Kirche in den lateinamerikanischen Staaten. In der Region sei zwar immer noch knapp die Hälfte der weltweit 1,07 Milliarden Katholiken zu Hause, doch Untersuchungen hätten gezeigt, dass die Zahl der Gläubigen immer weiter schrumpfe.

"Der Verlust an Gläubigen ist eine traurige Realität, die uns als Seelsorger der lateinamerikanischen Kirchen vor enorme Herausforderungen stellt", beklagt Cipriano Caldéron, Mitglied der vatikanischen Kongregation für die Bischöfe und ehemaliger Vizepräsident der Päpstlichen Kommission für Lateinamerika.

In Brasilien mit seinen 180 Millionen Menschen gehörten 100 Millionen der römisch-katholischen Kirche an. Doch ausgerechnet im Land mit den weltweit meisten Katholiken komme es Jahr für Jahr zu fast einer halben Million Kirchenaustritten, erläutert Diego Cevallos, Korrespondent der Dritte-Welt-Nachrichtenagentur. Ähnlich sei die Entwicklung in anderen lateinamerikanischen Ländern.

Für Elio Masferrer von der "Lateinamerikanischen Vereinigung für Religionsstudien" (ALER) ist die Entwicklung jedoch keine Frage des Glaubensverlustes. "Wenn die Kirche an ihren zentralen Strukturen und autoritären Botschaften festhält, wird sie in Lateinamerika innerhalb der nächsten fünfzehn Jahren einpacken müssen", so Masferrer.

Der Generalsekretär des Lateinamerikanischen Kirchenrats (CLAI), mit Sitz in Ecuador, Israel Batista, führt den Niedergang des römisch-katholischen Glaubens darauf zurück, dass sich die katholische Kirchenhierarchie gegenüber den Wünschen ihrer Gläubigen taub stellt. "Sie wird sich aber wandeln müssen, wenn sie ihre Stärke behalten will", ist Batista überzeugt.

Im CLAI arbeiten rund 150 Glaubensgemeinschaften in 21 lateinamerikanischen Staaten zusammen. Vertreten sind unter anderem Baptisten, Lutheraner, Methodisten, Herrnhuter, Mennoniten, Nazarener, Orthodoxe, Pfingstler, Presbyterianer, Reformierte und Waldenser.

Elio Masferrer und Israel Batista warnen vor einer weiteren Entfremdung zwischen Kirche und Gläubigen. Der Vatikan habe sich vom tagtäglichen Leben der Menschen entfernt und wisse wenig über deren irdische Prüfungen und Bedürfnisse. Protestantische Glaubensgemeinschaften hätten es verstanden, sich diese Abwesenheit der katholischen Kirche zunutze zu machen. Sie sprechen inzwischen 15 Prozent der Lateinamerikaner an.

Unter Papst Johannes Paul II., seit 1978 im Amt, sei die Zahl der Katholiken gemessen an Taufen, von 758 Millionen auf 1,07 Milliarden gestiegen. Diese Zahlen seien jedoch nicht aussagekräftig, weil sie das Bevölkerungswachstum ausser Acht liessen. Wird dieser Aspekt berücksichtigt, zeige sich, dass inzwischen nur noch 17,2 Prozent der Weltbevölkerung römisch-katholisch sei, gegenüber 17,9 Prozent im Jahre 1978. Hinzu komme, dass viele Gläubige der Kirche den Rücken gekehrt haben, ohne formell ausgetreten zu sein. Zahlen im Päpstlichen Jahrbuch offenbarten, dass im Verlauf der letzten 26 Jahre auch die Zahl der Priester um 3,7 Prozent zurückgegangen sei – während die Zahl der Nonnen um 20,9 Prozent anstieg.

Die Dynamik der protestantischen Kirchen erkläre sich auch aus der hohen Zahl ihrer Pfarrer und Gemeindeleiter. Der ALER-Experte Masferrer rechnet im "EineWelt"-Beitrag vor, dass sich in Mexiko statistisch gesehen 7.200 Gläubige einen Priester teilen. Bei den evangelischen Kirchen liege das Verhältnis bei eins zu 230. Hinzu komme, dass katholische Geistliche im Schnitt um 65 Jahre alt seien, ihre protestantischen Amtskollegen aber 32 Jahre.

Als "grossen Fehler" der katholischen Kirche bewertet CLAI-Generalsekretär Batista die Entfremdung von den armen Bevölkerungsschichten. In den 60er und 70-er Jahren hätten sich viele lateinamerikanische Priester und Bischöfe der Befreiungstheologie angeschlossen. Dass die Befreiungstheologen wirtschaftliche und politische Gerechtigkeit einforderten, wurde vom Vatikan mit Unbehagen beobachtet. Später, unter Papst Johannes Paul II., wurde das politische Engagement der Priester und Bischöfe kritisiert und viele als links verschriene Geistliche exkommuniziert. Heute gebe es in der katholischen Kirche in Brasilien und Mexiko, Länder, die der Papst vier bis fünf Mal besucht hat, keine progressiven Kräfte mehr.

Um den Schwund an Gläubigen zu begegnen, hat der Papst die lateinamerikanischen Bischöfe aufgefordert, sich mit "dem Sektenproblem" zu befassen. Für den Vatikan fallen darunter allerdings viele protestantische Freikirchen, die keineswegs mit dem Etikett "Sekte" belegt werden können. Neben einer kritischen Überprüfung der katholischen Seelsorge, so der Papst, sei es wichtig, die Strukturen von Kommunion und Mission zu stärken und alle Möglichkeiten zu nutzen, die eine populäre und einheitliche Religiosität zu bieten habe. Ausserdem schlug er den Bischöfen die Einrichtung eines katholischen Radiosenders vor.

Doch für CLAI-Generalsekretär Batista ist dies der falsche Weg. Der aus Kuba stammende Methodistenpfarrer präzisiert: Solange die vom Vatikan geführte Kirche nicht Toleranz gegenüber anderen Religionen aufbringe, und die realen und individuellen Bedürfnisse weiter ignoriere, werde sie an Boden verlieren. "Die Menschen werden sich wohl kaum einer Kirche verbunden fühlen, die Scheidungen kritisiert und Präservative verbietet."

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