Orientexperte warnt vor christlichen Aktivitäten im Jemen

Göttingen/Deutschland | 19.06.2009 | APD | Religionsfreiheit

Der Göttinger Orientexperte und Berater der deutschen Bundesregierung, Professor Martin Tamcke, warnt vor christlichen Aktivitäten im Jemen. Wer sich in der derzeitigen Situation zum christlichen Glauben bekenne, riskiere in dem islamischen Land Leib und Leben, betonte Tamcke am 17. Juni gegenüber dem kirchlichen Pressedienst epd. Missionarische Einsätze seien "kaum zu verantworten". Es werde noch sehr lange dauern, bis dort ein Dialog zwischen Christen und Muslimen beginnen könne.

Tamcke bezog sich auf die Praktika, die die beiden getöteten jungen Frauen aus Deutschland in einem Krankenhaus im Jemen absolvierten. Sie studierten an einer Bibelschule im westfälischen Lemgo, die unter anderem für die Arbeit in der Mission ausbildet. Tamcke leitet das Institut für ökumenische Theologie und orientalische Kirchen- und Missionsgeschichte der Universität Göttingen.

Die Hoffnung auf eine grössere Akzeptanz des Christentums solle jedoch auch im Jemen nicht aufgeben werden. Das historische Interesse an den christlichen Traditionen des Landes werde sich bemerkbar machen, sagte Tamcke. In der Hauptstadt Sanaa habe beispielsweise früher eine grosse Kathedrale gestanden. Derzeit werde das Land allerdings von den Auseinandersetzungen innerhalb des Islam zwischen Sunniten und Shiiten beherrscht.

Die Bibelschule Brake in Lemgo hat nach eigenen Angaben die beiden im Jemen getöteten Bibelschülerinnen vorher ausdrücklich auf die Sicherheitsrisiken eines humanitären Hilfseinsatz hingewiesen. Zudem widersprach die Schule Berichten, wonach die Frauen im Jemen missioniert hätten: "Diese Behauptung ist falsch und entbehrt jeder Grundlage.“ Die beiden Schwesternschülerinnen seien als Praktikantinnen der niederländischen Hilfsorganisation Worldwide Services (WWS) ausschliesslich für einen humanitären Dienst in einem staatlichen Krankenhaus eingesetzt worden."

Der Islam ist in der Republik Jemen Staatsreligion. Etwa 20 % der über 22 Millionen Einwohner von Jemen gehören der schiitischen Religionsgemeinschaft der Zaiditen an, 75 % sind Sunniten. Die Missionierung zu anderen Religionen als dem Islam ist verboten. Das Abfallen vom Islam wird mit dem Tode bestraft. Im Januar 2000 wurde ein zum Christentum übergetretener somalischer Staatsbürger zum Tode verurteilt und hingerichtet. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts lebten um die 60.000 Juden im Jemen, die nach und nach in Richtung Israel emigrierten. Bis heute existiert noch eine kleine jüdische Minderheit von etwa 1.000 Personen in den Provinzen Amran und Saada sowie auch in Riyda und Aden, die von Seiten der muslimischen Bevölkerung und der Staatsmacht als weitestgehend gleichberechtigt eingestuft wird. Juden besitzen mittlerweile auch das Wahlrecht.

Die Gemeinschaft der islamischen Geistlichen im Jemen hat in einer von der staatlichen Nachrichtenagentur SABA verbreiteten Erklärung die Entführung und den Mord an drei Ausländerinnen als "übles Verbrechen" bezeichnet, welches den Prinzipien des Islam widerspreche.

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