Vatikan-Diplomat: Redefreiheit ist Basis für Religionsfreiheit

Genf/Schweiz | 01.10.2010 | APD | Religionsfreiheit

Meinungs- und Redefreiheit unterminieren die Religionsfreiheit keineswegs, im Gegenteil, sie schützen sie. Davon ist Erzbischof Silvano Maria Tomasi überzeugt. Der Beobachter des Heiligen Stuhles bei den Vereinten Nationen in Genf sprach am 29. September vor diesem Gremium über Religionsfreiheit und antireligiöse Regungen.

Gegenüber Radio Vatikan äusserte sich dazu Tomasi deutlich: "Wenn wir nicht die Freiheit haben, über religiöse Fragen zu diskutieren und die Meinungen anderer auf diesem Gebiet gelassen anzusehen, dann sind wir auf dem direkten Weg zu einem unterdrückerischen Staatswesen und zu einer Politik, die die Menschenrechte nicht respektiert. Wird aber eine Kritik respektvoll geäussert, dann kann sie etwas Gutes sein, eine Grundlage für die menschliche Gemeinschaft."

Religionsfreiheit sei zum heissen Thema in der internationalen Debatte geworden, merkte Erzbischof Tomasi an. Er warnte vor Extremismen wie der jüngst geplanten, am Ende abgesagten Koranverbrennung in den USA und den Menschenrechtsverletzungen an christlichen Bürgern in Ländern mit muslimischer Mehrheit. Im Allgemeinen drohe der Religionsfreiheit heutzutage aus zwei Ecken Gefahr, so der Diplomat des Heiligen Stuhles.

"Zum einen die Instrumentalisierung von Religion. Also das Benutzen von Bildern, Symbolen, Themen, die aus einem religiösen Kontext stammen, um mit ihnen Ziele zu erlangen, die nicht religiös sind, sondern wo es etwa um Machtergreifung geht, um politische Ziele, um die Manipulation der öffentlichen Meinung und so weiter. Zum anderen gibt es die 'elegante' Ablehnung der Religion aus dem Kontext des Wohlstands einiger Länder heraus. Dort darf der Mensch auf alle möglichen Weisen interpretiert werden, ausser in seiner spirituellen Dimension. Hier besteht die Gefahr, dass alles an den Rand gedrängt wird, was über wirtschaftliche und unmittelbare materielle Interessen hinausgeht“, so der Vatikan-Diplomat.

Dem Menschen zu ermöglichen, sich in allen seinen Dimensionen frei zu entwickeln, inklusive der spirituellen, sei für Tomasi eine zentrale Aufgabe auch der westlichen Gesellschaften. Ein Anliegen, das der Heilige Stuhl über seine Diplomaten in den entsprechenden Ländern immer wieder in Erinnerung rufe.

"Wir müssen darauf hinwirken, dass in den Strukturen der Gesellschaft, das heisst in den Gesetzbüchern, im Rechtssystem, im Bildungswesen jedes Landes, im politischen Kontext der Zivilgesellschaft, die Religion kein Vorwand für Diskriminierungen wird."

Der Heilige Stuhl - und nicht etwa der Vatikanstaat – ist als Mitglied oder Beobachter in verschiedenen internationalen Organisationen vertreten; bei den Vereinten Nationen ist der Heilige Stuhl als permanenter Beobachter zugelassen. Mit der Reform der Vereinten Nationen von 2004 haben die Mitgliedsstaaten dem Heiligen Stuhl in der UN-Vollversammlung mehr Rechte zugestanden. So darf er bei der Jahresvollversammlung in die Debatte eingreifen, ohne die Erlaubnis anderer Staaten abwarten zu müssen, und hat auch das Recht zu antworten, soweit es um den Heiligen Stuhl geht.

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