APD-INFORMATIONEN 10/2015 - OKTOBER 2015

Ordination: Adventisten in Norwegen und Dänemark auf neuen Wegen

Royse/Norwegen und Nærum/Dänemark | 26.10.2015 | APD | International

Am 20. September hat der Exekutivausschuss der nationalen, adventistischen Kirchenleitung in Norwegen (NORUC) beschlossen zukünftig keine Pastoren mehr zu ordinieren. Sowohl Pastoren als auch Pastorinnen sollen mit einem Fürbittegebet in den vollen Pastorendienst eingeführt werden. Der Exekutivausschuss der Adventisten in Dänemark (DUChC) hat am gleichen Tag beschlossen, nach Abschluss der Pastoralassistenzzeit, ausschliesslich den Begriff „Pastor/Pastorin“, ohne die Bezeichnung „ordiniert“ oder „gesegnet“, gleichermassen für Männer und Frauen zu verwenden.

Die Delegierten der 60. Weltsynode (Generalkonferenz-Vollversammlung) der Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten hatten in San Antonio, Texas/USA, am 8. Juli entschieden, dass es den weltweit dreizehn teilkontinentalen Kirchenleitungen (Divisionen) auch weiterhin nicht gestattet sein soll, in ihrem Gebiet Frauen, die im Pastorendienst tätig sind, zu ordinieren.

Keine Diskriminierung
Diesen Beschluss der Weltsynode wollten sie achten, heisst es in einer Mitteilung der Adventisten in Norwegen, gleichzeitig wollten sie aber auch den „grundlegenden Prinzipien“ der Arbeitsrichtlinien der Weltkirchenleitung (General Conference Working Policy BA 60 05) entsprechen. Dort heisst es: „Die Kirche lehnt jedes System und jede Philosophie ab, die jemanden aufgrund seiner Rasse, Farbe oder seines Geschlechts diskriminiert.“

Bisherige Ordinationspraxis entspricht nicht Gleichbehandlungsprinzip
Die Ordinationspraxis in der adventistischen Kirche sei während vieler Jahre „nicht in Übereinstimmung mit dem grundlegenden biblischen Prinzip der Gleichbehandlung aller Menschen“ gewesen, so die Medienmitteilung. Die schriftlichen Unterlagen, die den Mitgliedern des norwegischen Exekutivausschusses vor der Beschlussfassung zur Verfügung gestanden seien, hätten auf das Priestertum aller Gläubigen verwiesen und ausgeführt, dass es für die Kirche unmöglich sei, das grundlegende Menschenrecht der Gleichbehandlung anzuerkennen ohne die in der Vergangenheit angewandte Ordinationspraxis entsprechend anzupassen.

Das Dokument der norwegischen Adventisten führt weiter aus, dass die adventistische Weltkirche in den letzten fünf Jahren gründliche Studien bezüglich der Ordination durchgeführt habe, die zur Feststellung geführt hätten, dass es unter gewissenhaften und loyalen Adventisten zwei gegensätzliche Auffassungen von Ordination gebe. Die Weltkirchenleitung habe es versäumt, jenen überregionalen oder nationalen Kirchenleitungen (Unionen), welche überzeugt seien, dass die aktuelle Ordinationspraxis aus biblischer Sicht falsch sei, Raum zu lassen, damit sie im Rahmen der Arbeitsrichtlinien ihrem Gewissen folgen könnten. Das habe die norwegische Kirchenleitung in eine schwierige Situation gebracht.

Für norwegische Adventisten eine Gewissensangelegenheit
„Die norwegische Union (nationale Kirchenleitung) rebelliert nicht noch möchte sie die weltweite Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten verlassen. Dies festzuhalten ist uns ganz wichtig“, sagte Pastor Finn F. Eckhoff, Exekutivsekretär der norwegischen Kirchenleitung. „Für die norwegische Union ist dies eine Gewissensangelegenheit“, betonte Pastor Reidar J. Kvinge, Präsident der norwegischen Adventisten. Mit ihrer Entscheidung ermutige die norwegische Kirche die Weltkirchenleitung jedoch eine biblisch begründete Ordinationspraxis zu schaffen, welche die Einheit der Kirche nicht gefährde.

Neue Regelungen und Bezeichnungen
Für Personen, die in Zukunft in Norwegen als Pastoralassistenten in den Pastorendienst eingeführt würden, werde ein einfaches Fürbittgebet gesprochen. In gleicher Weise werde auch mit Pastoralassistenten verfahren, wenn sie in den vollen Pastorendienst eingesetzt würden.

Demnach gebe es zukünftig bei den norwegischen Adventisten keine „ordinierten" und "nicht-ordinierten" Pastoren mehr. Unabhängig vom Geschlecht werde es nur noch zwei Kategorien von pastoralen Mitarbeitern geben: Pastoren „im normalen Dienst“ oder „im Praktikum bzw. in der Pastoralassistenz“. Der Weltkirchenleitung werde man solange keine Angaben mehr über Mitarbeitende im Pastorendienst mitteilen bis sie Kategorien für Pastoren geschaffen habe, die nicht diskriminierend seien.

Adventisten in Dänemark geben die Begriffe „Ordination“ und „Beauftragung“ auf
Die Kirchenleitung der Adventisten in Dänemark (DUChC) beschloss 2013 eine Stellungnahme wonach die Kirche „bei der Ernennung von Pastoren nicht zwischen den Geschlechtern unterscheiden werde und die Gleichstellung der Geschlechter in allen Verantwortungsbereichen wünsche“. Im Dokument steht auch, dass die dänische Kirchenleitung (Union) „die Ordination von neuen Pastoren bis zur Generalkonferenz-Vollversammlung 2015 (Weltsynode) aussetzen werde“, an der die Frage der Frauenordination diskutiert werde.

Gemäss der Arbeitsrichtlinie der Weltkirchenleitung (Working Policy E05 05) könnten auch andere Legitimationen ausgestellt werden. Die dänische Kirchenleitung bitte die Weltkirchenleitung eine Bezeichnung für die Legitimation von Pastoren zu finden, welche für Männer und Frauen zutreffend sei.

Auf der Basis dieser Bitte an die Weltkirchenleitung und der Stellungnahme zu Gleichbehandlung aus dem Jahr 2013, die im biblischen Verständnis gründe, wonach Mann und Frau als Ebenbild Gottes geschaffen seien und der Heilige Geist Männern und Frauen geistliche Gaben in gleicher Weise schenke, sei am 20. September 2015 vom Exekutivausschuss der dänischen Kirchenleitung (Union) beschlossen worden, dass die Begriffe „Ordination“ und „Beauftragung“ nicht mehr verwendet werden sollen, sondern nur noch von “ausgesonderten Pastoren” gesprochen werden soll. In Zukunft werde die dänische Kirchenleitung ausschliesslich eine Bezeichnung und eine Legitimation verwenden, nämlich „Pastor/Pastorin“. Dies gelte gleichermassen für Männer und Frauen, welche die Pastoralassistenzzeit erfolgreich abgeschlossen hätten.

Adventisten in den Niederlanden wollen Frauen auch in Zukunft ordinieren
Nach der Entscheidung der adventistischen Weltsynode (Generalkonferenz-Vollversammlung) vom Juli 2015 veröffentlichte die Kirchenleitung der holländischen Adventisten folgende Erklärung, die von SPECTRUM, Zeitschrift der Vereinigung adventistischer Foren (AF), ins Englische übersetzt wurde:

„Die Delegierten der adventistischen Kirchgemeinden in den Niederlanden haben im Herbst 2012 beschlossen Frauen in gleicher Weise wie ihre männlichen Kollegen zum Pastorendienst zu ordinieren. Dieser Beschluss trat im Juni 2013 in Kraft und bleibt es weiterhin. Die Entscheidung der Generalkonferenz-Vollversammlung von San Antonio ändert daran nichts.

Die Kirchenleitung in den Niederlanden wird weiterhin Pastorinnen ordinieren. Wir danken Gott dass er Männer und Frauen in seinen Dienst beruft. Mit Freude wollen wir diesen Ruf durch das Auflegen der Hände bestätigen.“

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Adventistische Theologen retournieren Legitimation als „ordinierte“ Pastoren

Roseville, Kalifornien/USA | 26.10.2015 | APD | International

Neun Theologieprofessoren der adventistischen Andrews University, Michigan/USA, haben als Reaktion auf den ablehnenden Entscheid der Weltsynode 2015 (Generalkonferenz-Vollversammlung) der Siebenten-Tags-Adventisten zur Frauenordination ihre Legitimationen (Beglaubigung) als „ordinierte“ Pastoren an die Weltkirchenleitung zurückgegeben. Die Professoren haben gebeten, wie adventistische Pastorinnen, Legitimationen als „beauftragte“ Pastoren ausgestellt zu erhalten. Dies berichtete SPECTRUM, Zeitschrift der Vereinigung adventistischer Foren (AF).

Am 8. Juli hatten es die rund 2.300 Delegierten der adventistischen Weltsynode 2015 (Generalkonferenz-Vollversammlung) in San Antonio, Texas/USA mit rund 40 zu 60 Prozent abgelehnt, den weltweit dreizehn teilkontinentalen Kirchenleitungen (Divisionen) die Kompetenz zu erteilen, adventistische Pastorinnen in ihrem Verwaltungsgebiet zum Pastorendienst zu ordinieren.

Jeder der neun Professoren habe nach Angaben von Pastor Jiří Moskala, Dekan des Theologischen Seminars, individuell ein entsprechendes Schreiben an den Exekutivsekretär der Weltkirchenleitung G. T. Ng gerichtet, da die Andrews University, das „Flaggschiff“ adventistischer Ausbildungsstätten für religiöse Leiter der Kirche, eine Institution der Weltkirchenleitung ist. Die zurückgesandten Legitimationen laufen Ende Dezember 2015 aus und müssen erneuert werden.

Die in den Schreiben angegebenen Gründe varierten, so Moskala. Die Professoren erlebten die gegenwärtige Ordinationspraxis als eine sakramentale Ermächtigung, die das männliche Geschlecht voraussetze und nicht als Segnung für geschelchtsunabhängige, geistliche Gaben, wie dies die Adventisten immer gelehrt hätten.

Einige Thologen hätten laut Jiří Moskala darauf hingewiesen, dass Ordination Teil der Arbeitsrichtlinien der Kirche sei und kein Artikel der 28 adventistischen Glaubensüberzeugungen, wie dies heute den Anschein habe. Für sie sei dieser Antrag auf Auswechslung der Legitimationsbezeichnung eine Frage des Gewissens sowie der Aufrichtigkeit und ergebe sich aus einem tiefen Gefühl der Ungerechtigkeit und Unfairness Kolleginnen gegenüber, die als Pastorinnen dienten.

Inzwischen hat einer der neun Professoren (Martin Hanna) mitgeteilt, dass die adventistische Weltkirchenleitung (Generalkonferenz) die Rücknahme der Ordinationsurkunde abgelehnt habe.

Adventistische Pastorinnen: Segnung aber keine Ordination
Adventistische Frauen können nach der Entscheidung der Weltsynode weiterhin nach ihrem mehrjährigen Theologiestudium in der Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten zwar als Pastorinnen „gesegnet“ und damit beauftragt werden, Amtshandlungen, wie Taufe, Abendmahl, Trauung und Beerdigung, vorzunehmen; doch ist diese Vollmacht örtlich begrenzt. Während die Ordination von Pastoren innerhalb der Freikirche weltweit Gültigkeit hat, dürfen gesegnete Pastorinnen nur in den Gebieten wirken, die zu einer Kirchenleitung gehören, welche die Segnung auch praktiziert. Ordiniert zum weltweiten Dienst werden lediglich männliche Geistliche. Nur sie dürfen in kirchenleitende Ämter, etwa als Präsident einer „Vereinigung“ oder eines „Verbandes“/“Union“ (regionale beziehungsweise überregionale Kirchenleitung) berufen werden, da hierfür die Ordination notwendig ist.

Reaktionen auf Beschluss der Weltsynode in Europa
Nach der Entscheidung der adventistischen Weltsynode 2015 zur Kompetenzregelung bezüglich der Frauenordination haben die überregionalen Kirchenleitungen (Unionen) in Dänemark, Italien, den Niederlanden und Norwegen auf unterschiedliche Weise reagiert.

Norwegen
Am 20. September hat der Exekutivausschuss der nationalen, adventistischen Kirchenleitung in Norwegen (NORUC) beschlossen zukünftig keine Pastoren mehr zu ordinieren. Sowohl Pastoren als auch Pastorinnen sollen mit einem Fürbittegebet in den vollen Pastorendienst eingeführt werden.

Dänemark
Der Exekutivausschuss der Adventisten in Dänemark (DUChC) hat am gleichen Tag beschlossen, nach Abschluss der Pastoralassistenzzeit, ausschliesslich den Begriff „Pastor/Pastorin“, ohne die Bezeichnung „ordiniert“ oder „gesegnet“, gleichermassen für Männer und Frauen zu verwenden.

Niederlande
Adventisten in den Niederlanden wollen Frauen auch in Zukunft ordinieren. In einer Erklärung nach dem Beschluss der Weltsynode hält die niederländische Kirchenleitung fest: „Die Delegierten der adventistischen Kirchgemeinden in den Niederlanden haben im Herbst 2012 beschlossen Frauen in gleicher Weise wie ihre männlichen Kollegen zum Pastorendienst zu ordinieren. Dieser Beschluss trat im Juni 2013 in Kraft und bleibt es weiterhin. Die Entscheidung der Generalkonferenz-Vollversammlung von San Antonio ändert daran nichts.“

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Italiens Adventisten opponieren gegen Frauenordinationsbeschluss der Weltkirche

Rom/Italien | 26.10.2015 | APD | International

Am 15. Oktober hat die adventistische Kirchenleitung in Italien (Unione Italiana delle Chiese Cristiane Avventiste del Settimo Giorno UICCA) den Beschluss 250, der bereits am 16. September gefällt worden war, publiziert. Demnach hat der UICCA-Exekutivausschuss einstimmig beschlossen „ein respektvolles, aber starkes Zeichen des Dissenses und des Protests“ gegenüber der Entscheidung der adventistischen Weltsynode 2015 (Generalkonferenz-Vollversammlung) zur Frauenordination zu veröffentlichen und „geeignete administrative Massnahmen“ zu treffen.

Am 8. Juli hatten es die rund 2.300 Delegierten der adventistischen Weltsynode 2015 (Generalkonferenz-Vollversammlung) in San Antonio, Texas/USA mit rund 40 zu 60 Prozent abgelehnt, den weltweit dreizehn teilkontinentalen Kirchenleitungen (Divisionen) die Kompetenz zu erteilen, adventistische Pastorinnen in ihrem Verwaltungsgebiet zum Pastorendienst zu ordinieren.

Die Kirchenleitung der Adventisten in Italien führt in ihrer Stellungnahme zum Beschluss der Weltsynode an, dass die Frage der Frauenordination kirchenintern bereits seit 1950 diskutiert werde. Sie sei auch an den Weltsynoden 1990 und 1995 thematisiert worden. Im Weiteren hätten bereits 2013 die adventistischen Pastoren in Italien einstimmig für die Ordination von adventistischen Pastorinnen zum Pastorendienst votiert und auch die Studienkommission der Weltkirche zur Ordinationsfrage (TOSC) habe 2014 festgehalten, dass es weder biblische noch theologische Hindernisse zur Frauenordination gebe.

In der Stellungnahme heisst es: „Die UICCA (Italienische Union der Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten) fühlt sich gezwungen, ein respektvolles aber auch starkes Signal an die Generalkonferenz (Weltkirchenleitung) zu senden, um ihren Protest beziehungsweise ihren Dissens zur Abstimmung der Generalkonferenz-Vollversammlung (Weltsynode) zum Ausdruck zu bringen. Die Weltsynode hat in der jüngsten Generalkonferenz-Vollversammlung, im Namen der Einheit der Kirche, gegen das Grundprinzip der Freiheit sowie der Meinungsverschiedenheit im religiösen und kulturellen Kontext verstossen. Im Namen der Würde der weiblichen Pastoren, die in unserem Gebiet ihren Dienst leisten, können wir nicht akzeptieren, dass ihre Mission weiterhin nicht vollständig anerkannt und damit diskriminiert wird. Die UICCA behält sich vor, geeignete Massnahmen zu ergreifen, um ihre Meinungsverschiedenheit in offensichtlicher Weise, auch mit administrativen Massnahmen, zum Ausdruck zu bringen.“

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Weltwirtschaftskrise kann Adventisten Millionen kosten

Silver Spring, Maryland/USA | 26.10.2015 | APD | International

Vom 7. bis 14. Oktober fand in Silver Spring, Maryland/USA die Jahressitzung des Exekutivausschusses der adventistischen Weltkirchenleitung statt. Die rund 300 Delegierten, Kirchenleiter sowie Laienmitglieder aus der ganzen Welt, nahmen zuerst an einer zweitägigen LEAD-Konferenz teil, berichtete die nordamerikanische Kirchenzeitschrift Adventist Review (AR). Dabei wurden die kulturellen Unterschiede in der Weltkirche thematisiert. In der anschliessenden viertägigen Geschäftssitzung wählten die Delegierten die Leitungen einiger Departemente der Weltkirchenleitung, die anlässlich der Weltsynode im Juli 2015 in San Antonio, Texas/USA, unbesetzt geblieben waren. Aus den Jahresberichten geht hervor, dass die Kirche Ende Juni knapp 18,8 Millionen Mitglieder zählte und dass für die Weltkirchenleitung per Ende September 67,5 Millionen US-Dollar eingegangen sind, zwei Millionen Dollar weniger als im Vorjahr.

Mitgliederstatistik: 18,8 Millionen Adventisten
Per 30. Juni seien weltweit knapp 18,8 Millionen Menschen durch die Glaubentaufe Mitglied der Siebenten-Tags-Adventisten gewesen, führte David Trim aus, Direktor des Büros für Archive, Statistik und Forschung der Weltkirche. Gegenüber Dezember 2014 sei auch die Zahl adventistischer Gemeinden und Gruppen weltweit von 148,023 auf 149,850 gestiegen.

Hohe Eintritts- und Austrittsrate
Sorgen mache ihm der grosse Mitgliederverlust. „Die Verluste untergraben die vielen, vielen Kircheneintritte“, so Trim. Von 1965 bis Ende 2014 seien global über 33 Millionen Menschen durch die Taufe adventistische Christen geworden, davon hätten aber 13 Millionen die Kirche wieder verlassen, - das seien 40 Prozent.

In zwei weltweit angelegten Befragungen ehemaliger Adventisten haben diese laut David Trim als Hauptgrund die bei anderen Kirchenmitgliedern subjektiv erlebte Heuchelei für das Wegbleiben oder den Kirchenaustritt angegeben. 63 Prozent verliessen laut den Studien die Kirche als junge Erwachsene. Weiter Austrittsgründe: Sie hätten sich nach und nach innerlich von der Kirche entfernt; Mangel an Mitgefühl; moralisches Fehlverhalten ihrerseits, sodass sie sich nicht mehr zugehörig fühlten. Viele hätten auch stressige Lebensumstände wie Umzug, Todesfall eines Angehörigen, Heirat oder Scheidung als Gründe angeführt. Vierzig Prozent gaben an, dass sie nach dem Wegbleiben oder Kirchenaustritt von niemandem seitens der Kirche daraufhin angesprochen worden seien.

„Wir müssen es irgendwie gemeinsam schaffen, eine andere Kirche zu werden, die Menschen erreicht und sie spüren lässt, dass sie zu uns gehören“, sagte Pastor Michael Ryan, ehemaliger allgemeiner Vizepräsident der Weltkirchenleitung.

Finanzbericht: Sinkende Einnahmen
Es sei unklar, so Pastor Juan R. Prestol-Puesán, der neugewählte Finanzchef der Weltkirchenleitung, ob 2015 genügend "Zehntengelder" (zehn Prozent des Einkommens), freiwillige Gaben und andere Einnahmen eingehen werden, um das Budget der Weltkirchenleitung zu erreichen. Per Ende September seien 67,5 Millionen US-Dollar eingegangen, zwei Millionen Dollar weniger als im Vorjahr.

Prestol-Puesán zeigte den Delegierten in einem Schnellkurs auf, wie die Weltwirtschaft die Finanzen der Weltkirche beeinflusst. Es habe 2015 einen Zeitpunkt gegeben, an dem der Aktienindex in den USA um 12 Prozent, in Europa um 21 Prozent und in Japan um 20 Prozent gefallen sei. Gleichzeitig sei der Wert des US-Dollars gegenüber anderen wichtigen Währungen gestiegen, weil Investoren US-Dollar als sichere Währung gekauft hätten. Für die Finanzabteilung der Weltkirche sei dies eine schwierige Zeit gewesen, da sie zwar in US-Dollar arbeite, aber 53 Prozent der Einnahmen aus anderen Währungen stammten, die zwischenzeitlich weniger Wert gewesen seien.

„Das Zusammenspiel von Schwächung der Finanzmärkte, der Stärke des US-Dollars und der wirtschaftlichen Situation in Ländern, die für unsere Einnahmen wichtig sind, deuten auf das Szenario eines aufkommenden Sturms hin“, sagte Prestol-Puesán.

Nach Abstimmung zur Frauenordination durch Weltsynode: Aufruf zur Einheit
Anlässlich der adventistischen Weltsynode in San Antonio, Texas/USA, haben es am 8. Juli die mehr als 2.300 Delegierten im Verhältnis von rund 60 zu 40 Prozent abgelehnt, den dreizehn teilkontinentalen Kirchenleitungen (Divisionen) die Kompetenz zu erteilen, dass diese adventistische Pastorinnen für ihr Kirchengebiet zum Pastorendienst ordinieren (einsegnen) dürfen.

Adventistisch Frauen können nach ihrem Theologiestudium in der Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten zwar als Pastorinnen „gesegnet“ und damit beauftragt werden, Amtshandlungen, wie Taufe, Abendmahl, Trauung und Beerdigung vorzunehmen; doch ist diese Vollmacht örtlich begrenzt. Während die Ordination von Pastoren innerhalb der Freikirche weltweit Gültigkeit hat, dürfen gesegnete Pastorinnen nur in den Gebieten wirken, die zu einer Kirchenleitung gehören, welche die Segnung auch praktiziert. Ordiniert zum weltweiten Dienst werden lediglich männliche Geistliche. Nur sie dürfen in kirchenleitende Ämter, etwa als Präsident einer „Vereinigung“ oder einer „Union“/eines „Verbandes“ (regionale beziehungsweise überregionale Kirchenleitung) berufen werden, da hierfür die Ordination notwendig ist. Die Zulassung von Frauen als ordinierte Pastorinnen ist ausserhalb von Nordamerika, Westeuropa, China und Australien/Ozeanien, wo nur etwa 13 Prozent der weltweit knapp 18,8 Millionen Adventisten leben, umstritten.

Vor dieser Entscheidung der Weltsynode im Sommer 2015 hatten bereits überregionale Kirchenleitungen (Unionen/Verbände) in den USA sowie in den Niederlanden adventistische Pastorinnen zum Pastorendienst ordiniert.

Nach der Entscheidung der Weltsynode 2015 hat die überregionale Kirchenleitung Norwegens beschlossen, solange keine Pastoren mehr zu ordinieren, bis die Weltkirche eine nicht-diskriminierende Regelung für Pastorinnen und Pastoren beschliesst. Die überregionale Kirchenleitung in Dänemark hat entschieden die Unterscheidung zwischen „ordinierten“ und „gesegneten“ Pastoren aufzuheben. Die Kirchenleitung in den Niederlanden hat als Reaktion auf den Beschluss der Weltsynode 2015 festgehalten, dass sie weiterhin Pastorinnen ordinieren wird.

Auf diesem Hintergrund haben laut AR die Leiter der Weltkirche (General Conference) sowie die dreizehn teilkontinentalen Kirchenleiter während drei Sitzungen einen Aufruf an alle kirchlichen Funktionsebenen zur Respektierung der Ordinationsentscheidung der Weltsynode 2015 erarbeitet und einstimmig verabschiedet. „Wir appellieren an alle kirchlichen Gremien, die Entscheidung der Weltsynode zu respektieren. Jedes einseitige und eigenmächtige Handeln, das im Widerspruch zum verabschiedeten Vorgehen steht, ebnet den Weg für Risse und Zersplitterung“, heisst es im Dokument. Auf dem Glaubensweg könne es vorkommen, dass Christen unterschiedliche Auffassungen hätten. Es sei dann „gegenseitiger Respekt, aufmerksames Zuhören, Bereitschaft zum Verstehen und Unterordnung unter die Leitung des Heiligen Geistes auf dem Weg zur Einheit angezeigt.“

Nach der Verlesung des Aufrufs durch G. T. Ng sagte der adventistische Weltkirchenleiter T. C. Wilson: „Wir mögen Differenzen haben, aber wir sind eine Kirche mit einem Auftrag.“

Wahlen
Einige der an der Weltsynode im Sommer 2015 nicht besetzten Abteilungsleitungen der Weltkirche, wurden laut AR einstimmig folgendermassen besetz:

• Sam Neves und Tanya Holland wurden zu stellvertretenden Direktoren der Kommunikationsabteilung der Weltkirchenleitung gewählt.
• Pastor Elias Brasil de Souza wurde zum Direktor des Biblischen Forschungsinstituts (Biblical Research Institute BRI) ernannt.
• Neben den drei wiedergewählten stellvertretenden Direktoren des Biblischen Forschungsinstituts BRI, Kwabena Donkor, Ekkehardt F. R. Mueller, and Clinton L. Wahlen wurde auch Frank M. Hasel neu in diese Position gewählt. Hasel war Dekan des Theologischen Seminars des adventistischen Seminars Schloss Bogenhofen/Oberösterreich.

LEAD-Konferenz: Kulturelle Unterschiede im weltweiten Adventismus
In der zweitägigen LEAD-Konferenz „Gottes Mosaik der Kulturen“, die vom adventistischen Institut für Weltmission organisiert worden war und vor der Geschäftssitzung stattfand, wurden die Kirchenleiter für die unterschiedliche Kulturen innerhalb der adventistischen Weltkirche sensibilisiert. Es gebe nicht nur zwischen Ländern unterschiedliche Kulturen, sondern auch zwischen den Generationen und den Adventisten verschiedener Länder. Es brauche in einer Weltkirche kulturelle Intelligenz, die durch die bewusste Begegnung mit Menschen anderer Kulturen gefördert werden könne, sagte Pastor Cheryl Doss, Leiter der LEAD-Konferenz.

Frauen mit Händedruck begrüssen?
Als Russe habe er in den USA, wie er dies gewohnt war, bei einer Gruppe Menschen zuerst die Männer per Händedruck begrüsst und bei den Frauen auf ein „Signal“ gewartet, um sie auch per Handschlag zu begrüsse, erläuterte Pastor Artur Stele, einer der sechs allgemeinen Vize-Präsidenten der Weltkirchenleitung. Amerikanische Frauen hätten ihm kaum angezeigt, per Händedruck begrüsst werden zu wollen, weshalb er ihnen in der ersten Zeit in den USA auch nicht die Hand gegeben habe. Dies habe aber einige von ihnen verletzt.

Kultur und Theologie
Kultur betreffe aber auch die adventistische Theologie, wo es ebenso unterschiedliche Kulturen gebe, so Artur Stele. In gewissen Weltregionen machten Adventisten am Sabbat (Samstag), dem biblischen Ruhetag, zwar einen Sabbatspaziergang am Ufer eines Sees oder Meeres entlang, vermieden dabei aber jede Berührung mit dem Wasser. In anderen Ländern spaziere man am Sabbat auch im Uferwasser, bade aber niemals und noch andere Adventisten hätten kein Problem damit, am Sabbat zu baden.

Gebetshaltung: Knien, stehen, sitzen?
Es gebe auch kulturelle Unterschiede in der Gebetshaltung unter Adventisten. Er habe es erlebt, so Stele, dass ein ausländischer Pastor beim Gebet zu Beginn des Gottesdienstes in einem anderen Land seine Hände in den Hosentaschen gehalten habe, mit dem Resultat, dass ihm niemand bei der Predigt zugehört habe. In den USA sei es bei den Adventisten üblich, so Stele, beim Beten im Gottesdienst zu knien, in Russland stehe man. Auch gebe es Kulturen in denen man nur schon beim Gedanken, beim Beten sitzen zu bleiben, die Stirn runzle.

„Kulturbedingtes Verhalten ist etwas vollständig Erlerntes“, sagte der Exekutivsekretär der Weltkirchenleitung Pastor G. T. Ng bei der Quiz-Auswertung des Lernerfolgs der LEAD-Konferenz. Viele Delegierte hatten gemeint, dass Kultur mindestens teilweise genetisch vererbt werde.

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Bewaffnete töten sieben Adventisten in Kamerun

Silver Spring, Maryland/USA | 26.10.2015 | APD | International

Mindestens neun Personen sind am 17. September bei einem nächtlichen Angriff durch schwer bewaffnete Männer im Dorf Aïssa Harde, nahe der Stadt More, im Norden Kameruns, getötet worden. Unter den Opfern seien sieben Mitglieder der Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten, sagte Richard Hendjena, Kirchenleiter der Adventisten in Nordkamerun.

Die nicht identifizierten Angreifer hätten auch Geschäfte abgebrannt, was zudem zu erheblichen materiellen Verlusten geführt habe, sagte Hendjena in einer Stellungnahme am 18. September.

Am Tag nach der Attacke habe Aïssa Harde einem Geisterdorf geglichen, da die Bewohner mit ihren wenigen Habseligkeiten in Panik geflohen seien. Dies sei der grösste Verlust von Mitgliedern durch gewaltsame Attacken seit vor fünf Jahren die Terrormiliz Boko Haram versucht habe einen strikt muslimischen Staat in Afrika zu errichten, sagte der Kirchenleiter.

Boko Haram schürt Konflikte in Kamerun, Tschad und Nigeria
Die Terromiliz Boko Haram, die Konflikte im Grenzgebiet zwischen Kamerun, Tschad und Nigeria schürt, habe die Verantwortung für die Attacken vom 17. September nicht übernommen. Der Überfall folge aber dem Muster dieser Terrorgruppe. Als Reaktion auf die Entscheidung Kameruns, gemeinsam mit seinen Nachbarländern Widerstand gegen die Terroristen zu leisten, habe Boko Haram auch Angriffe in Kamerun gestartet, heisst es in der amerikanischen Kirchenzeitschrift Adventist Review.

Laut Menschenrechtsorganisationen habe Boko Haram allein in Kamerun im letzten Jahr mehr als 400 Peronen getötet und weitere Tausende in anderen Ländern. Darunter seien auch sechs Adventisten, die anfangs Jahr bei einem Angriff in Maiduguri, der Hauptstadt des nigerianischen Bundesstaates Borno, getötet worden seien, so der adventistische Kirchenleiter.

Richard Hendjena bat die Adventisten weltweit, der Geschwister in Aïssa Harde sowie in anderen gefährdeten Gebieten in ihren Gebeten zu gedenken, „denn es ist nicht leicht in einem solchen Klima, das von Unsicherheit geprägt ist, zu leben“.

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Adventisten in Deutschland mit Erklärung zur aktuellen Flüchtlingssituation

Ostfildern bei Stuttgart/Deutschland | 26.10.2015 | APD | International

Im Nachgang zu einer eigens dafür einberufenen Konferenz zur Hilfe für Flüchtlinge am 22.09.2015 in Ostfildern hat die Kirchenleitung der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland eine Stellungnahme zur aktuellen Flüchtlingssituation herausgegeben. Darin wird betont, dass die Freikirche den Schutz von politisch Verfolgten und Kriegsflüchtlingen und deren Recht auf Zugang zu medizinischer Versorgung, Bildung und Sozialleistungen unterstützt. Das Dokument enthält auch Empfehlungen zur Hilfeleistung für die Kirchengemeinden vor Ort.

Die „Erklärung der Freikirche der Siebenten‐Tags‐Adventisten in Deutschland zur aktuellen Flüchtlingssituation“ stellt die christliche Verantwortung der Adventisten heraus, für alle Menschen da zu sein, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Alter, Religion oder Weltanschauung. Motivation für die Zuwendung von Christen zu jedem Menschen, der Hilfe braucht, sei die im Evangelium ausgedrückte Solidarität Gottes. Siebenten-Tags-Adventisten sprächen sich ausdrücklich gegen jede Form von Fremdenfeindlichkeit aus.

Die Freikirche werde die bestehenden Strukturen des adventistischen Wohlfahrtswerks AWW und der adventistischen Entwicklungs- und Katastrophenhilfe ADRA zugunsten einer nachhaltigen Hilfe für Flüchtlinge nutzen. Zugleich werde sie sich aktiv in die bestehenden Strukturen der Bundesländer und Kommunen einbringen.

Das Dokument macht deutlich, dass die Ortsgemeinden der Freikirche der Siebenten‐Tags‐Adventisten in Deutschland im konkreten Hilfshandeln gefragt sind. Die Gemeinden vor Ort seien eingeladen, ohne Berührungsängste auf Menschen in Not zuzugehen, die Zusammenarbeit mit Behörden, Vereinen, Einrichtungen und anderen Kirchen zu suchen und Möglichkeiten ehrenamtlichen Engagements zu erfragen und konkret umzusetzen. Kirchengemeinden könnten Räumlichkeiten für Sprachkurse, Begegnungstreffen oder Programme zur Kinder‐ und Freizeitgestaltung zur Verfügung stellen und Flüchtlinge, Migranten und Menschen in Not bewusst in die Fürbitte des Gebets einschliessen.

Unterzeichnet wurde die Erklärung von den Pastoren Johannes Naether, Präsident der Adventisten in Norddeutschland und Rainer Wanitschek, Präsident der Adventisten in Süddeutschland. Beide Kirchenleiter sprachen allen, die bereits durch ihr ehrenamtliches Engagement Hilfe für Flüchtlinge praktizierten, einen herzlichen Dank aus.

Die Erklärung in vollem Wortlaut unter:
http://www.adventisten.de/news/news/datum/2015/09/24/erklaerung-der-freikirche-zur-aktuellen-fluechtlingssituation/

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Adventistischer Führungskongress zum Thema Resilienz

Schwäbisch Gmünd/Deutschland | 26.10.2015 | APD | International

Unter dem Motto „Führen mit Vision“ fand vom 24. bis 27. September im christlichen Gästezentrum Schönblick, Schwäbisch Gmünd/Deutschland, der 3. Adventistische Führungskongress zum Thema Resilienz statt. Die rund 350 haupt- und ehrenamtlichen kirchlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz konnten neben den Plenumsveranstaltungen aus zehn Workshops Themen wählen, die für ihr Engagement in der Freikirche relevant sind.

Die Referate im Plenum gingen der Frage nach, wie man mit Belastungen, Herausforderungen und Stress in der kirchlichen Arbeit als ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeitende umgehen kann, ohne dabei auszubrennen oder wie man nach einer Krise, im Sinne einer Selbstregulation, wieder zu Kräften kommen kann. Die Teilnehmenden hatten jeweils während dem Referat die Möglichkeit ihre Fragen per SMS für die anschliessende Vertiefungsrunde mit den Referenten zu übermitteln. Laut der Teilnehmerbroschüre zum Kongress versteht man unter Resilienz „die Eigenschaft von Menschen oder von ganzen Organisationen, Belastungen stand zu halten und auch unter schwierigen Bedingungen gesund und leistungsfähig zu bleiben“.

Organisationale Resilienz
Unsere Zeit sei geprägt von Nichtberechenbarkeit, was viele Menschen überfordere, sagte Dr. Dietmar Nowottka, Organisationsberater, im Referat über „Organisationale Resilienz“. Resilienz sei aber keine Persönlichkeitseigenschaft im Sinne eines Besitzes, sondern eine psychische Anpassungsleistung, die Aktivität erfordere und gelernt werden könne. Organisationen könnten durch den Aufbau resilienter Strukturen, wie verbesserter interne Kommunikation und Changemanagement, als andauernde Aufgabe, wachsam und transparent auf neue Situationen reagieren oder diese antizipieren. Durch gemachte Erfahrungen, die reflektiert würden, könnten neue Erkenntnisse gewonnen und in Kompetenzen transformiert werden.

Ruhe und Achtsamkeit
Magister Karin Roth, Leiterin der Ombudsstelle der Erzdiözese Salzburg/Österreich, teilte ihre Erfahrungen im Umgang mit Stress, der mit zunehmender Intensität das eigene Wahrnehmungsfeld entsprechend verenge. Sie stellte einen Selbstentwicklungskreislauf mit sieben Bereichen vor, der unter anderem über Selbstwahrnehmung, Selbstakzeptanz, Selbstverantwortung, Selbstvertrauen und Selbstreflexion zu mehr Achtsamkeit gegenüber sich selbst und der Umwelt und zu mehr Gelassenheit führen könne.

Wichtigkeit von Werten
Sich nach Werten auszurichten, habe einen starken Einfluss auf die Resilienz, die psychische Widerstandsfähigkeit und damit auf die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen, sowohl für Menschen, als auch für Organisationen, sagte Marc André Naumann im Workshop „Mit Werten führen“.

Resolution für Zukunftskonferenz
„Die Adventgemeinde war und ist eine Adventbewegung“, heisst es in der Einleitung zu einer Resolution der Teilnehmer und Teilnehmerinnen am Führungskongress, die sie in der Abschlussveranstaltung an die drei Kirchenleitungen der vertretenen deutschsprachigen Länder richteten. Sie fordern darin die drei Kirchenleitungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz dazu auf, „im Sinne einer Zukunftskonferenz Raum zu schaffen, um einen gemeinsamen Weg zum Dienst an der Gesellschaft zu finden und unter dem Segen Gottes unserem Auftrag gerecht zu werden.“

Informationen zu den Workshopthemen und Referenten:
http://sta-fuehrungskongress.de/startseite/workshops/

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Erstmals ein Adventist Staatsoberhaupt der Fidschi-Inseln

Suva/Republik Fidschi | 26.10.2015 | APD | International

Jioji Konousi Konrote (67), auch als George Konrote bekannt, ist neuer Staatspräsident der Republik Fidschi. Fidschi ist eine Inselgruppe mit rund 880.000 Einwohnern im Südpazifik und liegt nördlich von Neuseeland sowie östlich von Australien. Das Parlament der Fidschi Inseln wählte ihn am 12. Oktober bei drei Enthaltungen mit 31 Ja- und 14 Nein-Stimmen. Konrote, der nicht dem Grossen Rat der Häuptlinge angehört, der bisher das Staatsoberhaupt stellte, stammt aus der Minderheit der Rotumas und ist Mitglied der Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten. Seine Amtseinführung ist für den 5. November vorgesehen.

Der pensionierte Generalmajor der Streitkräfte Fidschis kommt von der Insel Rotuma und erhielt seine Ausbildung unter anderem an Militärakademien in Neuseeland und Australien. Er studierte an der Harvard Kennedy School in Cambridge, Massachusetts/USA, auch Politik- und Staatswissenschaft. Die Streitkräfte der Inselgruppe umfassen 3.500 Soldaten, davon etwa 300 Marienangehörige mit einigen Patrouillenbooten. Von den drei regulären Bataillonen war das erste an Friedensmissionen der UNO im Libanon, im Irak und in Ost-Timor beteiligt, das zweite ist als Teil der internationalen UN-Friedenstruppe zur Sicherung des Friedensvertrages zwischen Ägypten und Israel (MFO) auf dem Sinai stationiert, während sich das dritte Bataillon stets in der Fidschi-Hauptstadt Suva befindet. Konrote befehligte UN-Friedenstruppen und war 1978 Kommandeur der UNIFIL, damals eine Beobachtermission, um den Abzug der israelischen Truppen aus dem Libanon zu bestätigen sowie dem libanesischen Staat zu helfen, die Autorität in seinem südlichen Landesteil wieder zu erlangen.

Von 2001 bis März 2006 war Konrote als Diplomat Fidschis Hochkommissar (Botschafter) in Australien und Singapur. 2006 gehörte er bis zum Militärputsch am 5. Dezember für kurze Zeit als Staatsminister für Einwanderung dem Kabinett von Laisenia Qarase an. 2014 wurde er erneut ins Parlament gewählt und amtierte bis zu seiner Berufung zum Staatspräsidenten als Minister für Arbeit, Produktivität und Sozialpartnerschaft. Die Aufgaben von Fidschis Staatoberhaupt sind hauptsächlich repräsentativer Art. Konrote löst Ratu Epeli Nailatikau ab, der seit 2009 amtierte. Der Präsident wird jeweils für drei Jahre gewählt. Regierungschef ist seit 2007 Premierminister Voreqe (Frank) Bainimarama.

George Konrote ist Mitglied der Siebenten-Tags-Adventisten und ehrenamtlicher Ältester der adventistischen Rotuman Kirchengemeinde in Fidschis Hauptstadt Suva. Der erste adventistische Missionar kam bereits 1891 auf die Inselgruppe. Heute gibt es dort rund 24.000 erwachsen getaufte Adventisten in 154 Kirchengemeinden. Die Freikirche unterhält in der Republik Fidschi eine Hochschule, ein Gymnasium, eine Mittelschule und mehrere Grundschulen.

Etwa 55 Prozent der Bevölkerung auf den Fidschi Inseln bezeichnet sich als evangelische Christen, in der Mehrzahl Methodisten (35 Prozent). Römisch-katholisch sind neun Prozent, Hindus 28 Prozent und Muslime sechs Prozent.

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Weitgehende Einigung bei Vorbereitung des Panorthodoxen Konzils 2016

Genf/Schweiz | 26.10.2015 | CBS KULTUR INFO/APD | Orthodoxie

Vom 11. bis 17. Oktober fand in Chambesy bei Genf die 5. Panorthodoxe Konferenz zur Vorbereitung des Panorthodoxen Konzils, das zu Pfingsten 2016 stattfinden soll, statt. Es ging mit einer weitgehenden, aber nicht vollständigen Einigung aller orthodoxen Kirchen zu Ende. Die Schatten der innerorthodoxen Auseinandersetzungen waren spürbar.

In einem vom serbisch-orthodoxen Patriarchat veröffentlichten Abschlusskommunique heisst es, die Vertreter "aller orthodoxen autokephalen Kirchen" hätten die endgültige Fassung der bereits 2009 bei der 4. Panorthodoxen Konferenz ausgearbeiteten Vorlage über "Die Autokephalie (Selbständigkeit) von Kirchen und die Art und Weise ihrer Proklamation" sowie die beiden Vorlagen über das Verhältnis der Orthodoxie zu den anderen christlichen Kirchen und über die Bedeutung des Fastens akzeptiert.

Laut CBS KULTUR INFO sind die beiden letzteren Vorlagen bei der 2. bzw. bei der 3. Panorthodoxen Konferenz (in den Jahren 1982 bzw. 1986) erstmals erstellt und bei den drei Sitzungen des interorthodoxen Ad hoc-Komitees zur Vorbereitung des Panorthodoxen Konzils in den Jahren 2014/2015 überarbeitet worden.

Moskauer Patriarchat und Kirche von Georgien unterzeichneten dritte Vorlage nicht
Eine dritte Vorlage aus dieser Serie über "Die Mission der orthodoxen Kirche in der Welt von heute" (ursprünglich 1986 unter dem Titel "Der Beitrag der orthodoxen Kirche zur Förderung von Frieden, Gerechtigkeit, Freiheit, Geschwisterlichkeit und Liebe zwischen den Völkern und zur Überwindung von rassischer und sonstiger Diskriminierung" entwickelt) fand keine allgemeine Zustimmung. Die Vertreter des Moskauer Patriarchats und der Kirche von Georgien hätten „nicht unterzeichnet“, so das Kommunique. Der Heilige Synod des Moskauer Patriarchats hatte bereits bei seiner Tagung im Juli festgestellt, dass das Dokument in der vorliegenden Form nicht akzeptabel sei, die – von Metropolit Hilarion (Alfejew) geleitete – russisch-orthodoxe Delegation wurde beauftragt, bei der 5. Panorthodoxen Konferenz „prinzipielle Änderungsvorschläge“ einzubringen.

Derzeit ist unklar, wie es mit dieser Vorlage für das Konzil weitergehen soll, dessen Eröffnung zu Pfingsten nächsten Jahres, am 19. Juni 2016 vorgesehen ist. Bei der "Synaxis" (der Versammlung der Oberhäupter der orthodoxen Kirchen) im März 2014 in Konstantinopel war ausdrücklich vereinbart worden, dass sowohl in der Vorbereitungsphase als auch bei der Durchführung des Panorthodoxen Konzils das Konsens-Prinzip zu gelten hat.

5. Panorthodoxe Konferenz mit vielsprachigem Gottesdienst eröffnet
Die 5. Panorthodoxe Konferenz wurde zunächst vom emeritierten Metropoliten von Pergamon (Bergama), Ioannis (Zizioulas), geleitet; an den beiden letzten Tagen vom Pariser Metropoliten Emmanuel (Adamakis). Hauptzelebrant der Göttlichen Liturgie zum Konferenzauftakt war der zum Ökumenischen Patriarchat gehörende orthodoxe Metropolit für die Schweiz, Jeremias (Kaligiorgis), der auch Sekretär für die Vorbereitung des Panorthodoxen Konzils ist. Der vielsprachige Gottesdienst in griechischer, kirchenslawischer, arabischer, serbischer, tschechischer, albanischer, französischer und englischer Sprache brachte die übernationale Dimension der Orthodoxie zum Ausdruck.

Auseinandersetzungen um Katar und Ukraine überschatteten Vorbereitungen
Überschattet waren die Arbeiten der 5. Panorthodoxen Konferenz, welche eigentlich schon in der ersten Jahreshälfte 2015 hätte stattfinden sollen, von den Auseinandersetzungen um Katar und um die Ukraine. Das Fürstentum Katar gehört kirchlich zum kanonischen Territorium des Patriarchats von Antiochien. Die Einsetzung eines Metropoliten, der sich der vielen palästinensischen christlichen Immigranten in Katar annimmt, durch den Patriarchen von Jerusalem, hat zu einem heftigen Konflikt zwischen den Patriarchaten von Antiochien und Jerusalem geführt.

Besorgnis des Moskauer Patriarchats über „unkanonische Aktionen“ in der Ukraine
Metropolit Hilarion (Alfejew) übermittelte zunächst besonders herzlich gehaltene Glückwünsche des Moskauer Patriarchen an die 5. Panorthodoxe Konferenz. Kyrill I. erinnerte daran, dass die Arbeit der Konferenz der "Stärkung der kirchlichen Einheit" dienen solle. Die Diskussion der Entwürfe für das Panorthodoxe Konzil werde die Repräsentanten der orthodoxen Kirchen einander näher bringen, um "im Geist Jesu" einen Konsens zu erreichen. Zugleich betonte der Leiter des Aussenamts der russisch-orthodoxen Kirche die „tiefe Besorgnis” des Moskauer Patriarchats über „unkanonische Aktionen“ von Bischöfen aus der ukrainischen Emigration, die dem Ökumenischen Patriarchen unterstehen. Diese Bischöfe reisten in die Ukraine ohne den Primas der (autonomen) ukrainisch-orthodoxen Kirche zu verständigen, sie breiteten den „roten Teppich“ für „exkommunizierte und laisierte Priester“ aus, denen eine „autokephale“ ukrainische Kirche versprochen werde. Er appelliere an den Ökumenischen Patriarchen, diese für die „panorthodoxe Einheit“ zerstörerischen Vorgänge zu beurteilen und den beteiligten Bischöfen weitere Handlungen in dieser Richtung zu untersagen, so Metropolit Hilarion.

Die 1. Panorthodoxe Konferenz hatte bereits 1961 auf Rhodos stattgefunden. Damals hatte man auf Vorarbeiten für ein Panorthodoxes Konzil aufgebaut, die an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert im Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel – damals eine der bestorganisierten Ortskirchen Europas mit kapillarer Präsenz in Anatolien und Thrakien – in die Wege geleitet worden waren.

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Gottfried Locher zum Präsidenten von Europas Protestanten gewählt

Bern/Schweiz | 26.10.2015 | APD | Ökumene

Pfarrer Gottfried Locher, Präsident des Schweizerischen evangelischen Kirchenbunds SEK wurde zum geschäftsführenden Präsidenten der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa GEKE gewählt. Der in Brüssel tagende Rat des europaweiten Verbundes der Protestanten wählte Locher in dieser Funktion zum Nachfolger von Friedrich Weber, dem im Januar verstorbenen Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig. Der deutsche Theologe, Michael Weinreich, wurde ins GEKE-Präsidium gewählt und übernimmt den Sitz von Friedrich Weber.

Laut der SEK-Medienmitteilung vertritt die GEKE rund 50 Millionen Protestantinnen und Protestanten von 107 reformierten, unierten, lutherischen, methodistischen und vorreformatorischen Kirchen aus mehr als dreissig Ländern Europas und Südamerikas. Das dreiköpfige GEKE-Präsidium wird ergänzt durch Klára Tarr Cselovszky, Aussenamtsleiterin der Lutherischen Kirche in Ungarn und Michael Weinrich, Professor für systematische Theologie an der Ruhr-Universität Bochum.

„Wieder steht Europa vor grossen Herausforderungen“, so Gottfried Locher mit Blick auf die aktuelle Flüchtlingskrise. „Wieder ist die geeinte Stimme des Protestantismus unerlässlich. Bezeugen wir das Evangelium in den sozialen, politischen und ethischen Zusammenhängen.“

Locher war bereits 2012 in das dreiköpfige Präsidium gewählt worden. Er führt die Geschäfte der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa bis zur kommenden Vollversammlung im September 2018, die auf Einladung des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes und der Evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt in Basel stattfindet. Bereits ein Jahr zuvor ist der Kirchenbund im März 2017 gemeinsam mit den Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn Gastgeber des zweiten gesamteuropäischen Treffens der Synodalen in Bern.

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Freikirchenforschung - nicht nur Rückschau

Friedensau bei Magdeburg/Deutschland | 26.10.2015 | APD | Ökumene

Eine Bilanz über die Freikirchenforschung in Deutschland zog der Verein für Freikirchenforschung (VFF) während seiner Herbsttagung vom 26. bis 27. September an der Theologischen Hochschule der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Friedensau bei Magdeburg. Anlässlich des 25-jährigen Vereinsbestehens ging es um Rückschau, Gegenwartsbestimmung und Zukunftsperspektiven.

Katholische Kirche und Freikirchen
Der katholische Theologe Hans Gasper (Bonn) beleuchtete die Freikirchen aus römisch-katholischer Sicht. Er erinnerte an das Wort des Kirchenvaters Tertullian (gest. nach 220): „Man wird nicht geboren als Christ, Christ wird man.“ Johann Adam Möhler habe bereits 1832 in seinem Hauptwerk „Symbolik“ Respekt vor Methodisten und Pietisten gezeigt, obwohl er sie der Zeit entsprechend als „protestantische Sekten“ bezeichnete. Er schätzte an ihnen, dass sie auf ein christliches Leben Wert legten, das von Glaubenserfahrungen geprägt wird. Besonders aufgrund der Wiedervereinigung Deutschlands sei auch innerhalb der hiesigen römisch-katholischen Kirche bewusst geworden, dass in einer pluralistischen Gesellschaft die Menschen nicht mehr automatisch durch Geburt und Kindertaufe Christen würden. Viele Menschen hätten keinen Bezug mehr zum Christentum. Sie müssten eine eigene Entscheidung für den Glauben treffen. Dazu wäre eine bessere Kenntnis der Bibel notwendig, um mehr über den Glauben zu erfahren. Die Katholiken hätten die missionarische Dimension des Glaubens neu entdeckt, nämlich das Evangelium unter die Leute zu bringen. Hierin stimmten sie mit den Freikirchen überein. Papst Franziskus habe keine Berührungsängste gegenüber Evangelikalen, wie sein Besuch im Juli 2014 in der Pfingstgemeinde von Pastor Giovanni Traettino in Caserta/Italien zeige. Freikirchen würden aus katholischer Sicht nicht mehr zu den „Sekten“ gezählt.

Mut zur eigenen Geschichte
Dr. Johannes Hartlapp (Friedensau) sprach über „Adventistische Geschichtsforschung im Spannungsfeld von Selbst- und Fremdwahrnehmung“. Für Adventisten hätten Geschichte und Gegenwart immer zusammengehört. Dabei habe die Gefahr bestanden, die Geschichte der eigenen Freikirche zu verklären und sich selektiv mit der Geschichte zu befassen, um die eigene Identität zu bekräftigen. Das adventistische Archiv in Hamburg wurde 1943 durch einen Bombenangriff zerstört. Erst 1980 begann der Aufbau eines neuen „Historischen Archivs der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Europa“, das heute seinen Sitz an der Theologischen Hochschule Friedensau hat. Dadurch sei ein offener Austausch über die eigene Geschichte ermöglicht worden. Der Mut zur eigenen Geschichte habe dazu geführt, dass die Freikirchenleitungen in Deutschland und Österreich 2005 in einer gemeinsamen Erklärung ein Schuldbekenntnis zur NS-Zeit ablegten. 2014 folgte von der deutschen Freikirchenleitung unter der Überschrift „Schuld und Versagen“ eine Erklärung anlässlich des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren.

Hunger nach Erfahrung
Der Pfarrer der bayerischen Landeskirche Dr. Moritz Fischer (Neuendettelsau) befasste sich mit der Pfingstkirchenforschung. Dabei gehe es nicht nur um die Pfingstgemeinden in Deutschland, sondern um die Erforschung der weltweiten Pfingstbewegung. Das sei auch wichtig, um die aus Migranten bestehenden Pfingstgemeinden in der Bundesrepublik in den Blick zu bekommen. Trotz Zersplitterung der Pfingstbewegung gebe es auch Gemeinsamkeiten, wie den „Hunger nach Erfahrung“, um den Glauben sichtbar zu machen. Auch die gottesdienstlichen Formen ähnelten sich. Zu beobachten sei zudem ein sozialer und bildungsmässiger Aufstieg in der Gesellschaft, wenn sich jemand mit einer Pfingstgemeinde identifiziert.

Neue Freikirchen
Um die Erforschung „neuer“ Freikirchen ging es Dr. Reinhard Hempelmann (Berlin), dem Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. Diese „neuen“ Freikirchen vom charismatisch-pfingstlichen und evangelikalen Typ grenzten sich von den sogenannten „klassischen“ Freikirchen ab. Da es nicht „die“ Freikirchen gebe, könne man auch nicht von „den“ neuen Freikirchen sprechen. Jede einzelne müsse für sich betrachtet werden.

Mit dem „Beitrag der Freikirchen zur neutestamentlichen Wissenschaft“ befasste ich der Methodist und Theologieprofessor Dr. Hermann Lichtenberger (Tübingen). Seine These: Die Universitäten in Deutschland seien offen bei der Promotion in evangelischer Theologie bei Methodisten, Mennoniten und Baptisten. Auch könnten Angehörige bestimmter Freikirchen sich im Fachbereich Theologie habilitieren. Die Aussprache ergab jedoch, dass es hierzu unterschiedliche Erfahrungen gibt.

Umfangreiche methodistische Geschichtsforschung
Dr. Michael Wetzel (Zwönitz/Erzgebirge) wies darauf hin, dass sich schon John Wesley (1703-1791), einer der Begründer der methodistischen Bewegung, mit der Kirchengeschichte befasst habe. Anfangs hätte die methodistische Geschichtsschreibung mit ihren Bekehrungsgeschichten mehr erbaulichen Charakter gehabt. Inzwischen gebe es eine Fülle wissenschaftlicher Bücher, Monografien und Artikel über die Geschichte der methodistischen Kirche. Das sei auch der „Studiengemeinschaft für Geschichte der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK)“ zu verdanken. Themen bei denen noch geforscht werden sollte, wären die Geschichte der Methodisten in der NS-Zeit und in der DDR. Wissenslücken gebe es auch in der Zeit nach 1945.

Zum Abschluss stellte Professor Dr. Frank Lüdke (Marburg) Perspektiven aus der Historiographie der Gemeinschaftsbewegung, dem sogenannten „Neupietismus“, vor. Professor Dr. Martin Rothkegel (Elstal bei Berlin), referierte über „Täufertum und Baptismus: Zwei freikirchliche Traditionen und ihre Historiographie“. Rothkegel stellte fest, dass das Täufertum, welches aus der Reformation des 16. Jahrhunderts hervorging, durchaus in Deutschland in die akademische Forschung einfliesse, wenn auch nicht mit einem eigenen Lehrstuhl. Das sei jedoch beim Baptismus nicht der Fall, der erst seit 1834 in Deutschland vertreten ist.

Die in Friedensau gehaltenen Referate werden im VFF-Jahrbuch dokumentiert, das 2016 erscheinen soll.

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Freikirchliche Minderheiten setzten Freiheitsimpulse der Reformation um - Symposium zum Erbe des Nonkonformismus

Oldenburg/Deutschland | 26.10.2015 | APD | Ökumene

„Das Erbe des Nonkonformismus – Von der Reformation zur Moderne“ stand im Mittelpunkt des Symposiums der Gesellschaft für freikirchliche Theologie und Publizistik (GfTP) vom 9. bis 11. Oktober 2015 an der Universität Oldenburg. Referenten aus mehreren Ländern lieferten einen Beitrag aus „nonkonformistischer“ Perspektive zum anstehenden Reformationsjubiläum 2017: Die in der Theologie Luthers und anderer Reformatoren angelegten Freiheitsimpulse seien nicht im staatskirchlichen Protestantismus, sondern erst in den nonkonformistischen (freikirchlichen) evangelischen Minderheiten, vor allem in England und Nordamerika, in freiheitliches und demokratisches Denken und Handeln umgesetzt worden.

Mit dieser These bezog sich die vom Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden mitveranstaltete Tagung auf die Jubiläumsaktivitäten im Vorfeld von 2017, deren Leitmotiv der Zusammenhang von Reformation, Freiheit und Demokratie ist.

Religiöse Abweichler waren auch politische Oppositionelle
Der Begriff „Nonkonformismus“ hat seinen Ursprung im England des 16. und 17. Jahrhunderts, als von allen Untertanen „Konformität“ mit der Staatskirche gefordert wurde. Religiöse Abweichler waren daher automatisch immer auch politische Oppositionelle. Der religiöse Nonkonformismus sei der „Subtext sozialer Reformbewegungen“, hiess es auf der Tagung.

Die Kirchengeschichtsprofessorin Andrea Strübind (Universität Oldenburg) eröffnete das Symposium mit einem Vortrag über die massgebliche Rolle, die Max Weber und Ernst Troeltsch, die Pioniere der deutschen Soziologie um 1900, den englischen und amerikanischen Nonkonformisten (Baptisten, Quäkern und Methodisten) an der Entstehung der modernen freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft zuschrieben. David Bebbington, Professor für Geschichte an der Universität Stirling (Schottland), zeigte auf, dass die Nonkonformisten oder „Dissenter“ im 17. und 19. Jahrhundert treibende Kraft der Liberalisierung und Demokratisierung der englischen Gesellschaft gewesen seien.

Zivilgesellschaftliches Engagement der Freikirchen
Professor Martin Rothkegel (Theologische Hochschule Elstal bei Berlin) erinnerte daran, dass Luther die Ableitung politischer Freiheitsforderungen aus der „Freiheit des Christenmenschen“ ausdrücklich abgelehnt habe. Dagegen fände sich die politische Forderung nach uneingeschränkter Religionsfreiheit bereits bei den Täufern des 16. Jahrhunderts. Der erste moderne demokratische Staat sei 1636 durch den (zeitweiligen) Baptisten Roger Williams im nordamerikanischen Rhode Island gegründet worden.

Frauenemanzipation massgeblich von Quäkerinnen und Methodistinnen beeinflusst
Der Theologe und Historiker William Brackney (Acadia University, Kanada) machte auf den massgeblichen Anteil von Quäkerinnen, Methodistinnen und Unitarierinnen an den Anfängen der Frauenemanzipation aufmerksam. Erich Geldbach (Marburg), Massimo Rubboli (Genua), Karl Heinz Voigt (Bremen) und weitere Vortragende referierten über Religionsfreiheit, Abschaffung der Sklaverei, Pazifismus, Bildungs- und Lebensreform als Schwerpunkte des zivilgesellschaftlichen Engagements englischer und amerikanischer Freikirchen vor allem im 19. Jahrhundert. Die Verwurzelung des amerikanischen Bürgerrechtlers Martin Luther King Jr. in den Traditionen des nonkonformistischen Protestantismus beleuchtete abschliessend der Leiter der Evangelischen Akademie Neudietendorf, Michael Haspel.

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Allianz fordert mehr Schutz von Christen und Jesiden in Flüchtlingsheimen

Berlin/Deutschland | 26.10.2015 | APD | Menschenrechte

In gleichlautenden Schreiben an den Bundesinnenminister Deutschlands, Thomas de Maizière, und die Innenminister und Innensenatoren der 16 Bundesländer hat der Beauftragte der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA) am Sitz des Bundestages und der Bundesregierung, Wolfgang Baake (Berlin), von den zuständigen Stellen in Deutschland einen grösseren Schutz der Christen und Jesiden vor Übergriffen, Verfolgung und Vergewaltigungen durch radikale Muslime in den Flüchtlings-unterkünften gefordert.

Baake schreibt: „Die Christen, die aufgrund ihres Glaubens ihre Heimatländer verlassen mussten und nun in Deutschland sind, erleben hier wieder Verfolgung auf schrecklichste Weise“. Baake fordert die Innenminister auf, die Sicherheitsbehörden anzuweisen, „sich dem Schicksal der Christen in den Flüchtlingsheimen viel stärker als bisher anzunehmen“. Der DEA-Beauftragte verwies auf vielfältige Berichte in den Medien, die bereits seit Juli 2014 auf Beispiele für diese Übergriffe aufmerksam gemacht hätten.

Baake nannte es einen „Schlag ins Gesicht der Christen“, die in Deutschland Zuflucht suchten, wenn sie auch jetzt nicht vor „An- und Übergriffen“ geschützt würden. Die Angriffe auf Christen und Jesiden seien ebenso ein Schlag ins Gesicht der vielen Christen aus Kirchen, christlichen Werken, Verbänden und Privatorganisationen, die seit vielen Wochen und Monaten „grossartige Hilfe“ leisteten, wenn sie erfahren, dass ihre Glaubensgeschwister in den Flüchtlingsunterkünften wieder „benachteiligt, vergewaltigt und verfolgt“ würden.

Der Beauftragte forderte die Innenminister zusätzlich auf, alles zu tun, um die Täter „dingfest“ zu machen. So könnten sie rasch verurteilt und dann einer möglichen „unverzüglichen“ Abschiebung zugeführt werden.

Informationen zur Deutschen Evangelischen Allianz im Internet unter www.ead.de

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Adventisten in Deutschland mit Anleitung: „Gemeinsam für Flüchtlinge“

Ostfildern/Deutschland | 26.10.2015 | APD | Menschenrechte

Die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland hat die Anleitung „Gemeinsam für Flüchtlinge“ für ehrenamtliche Projektarbeit mit politisch Verfolgten und Kriegsflüchtlingen herausgegeben. „Gemeinsam für Flüchtlinge“ ist eine Initiative der Freikirche sowie deren Institutionen Adventistische Entwicklungs- und Katastrophenhilfe ADRA Deutschland, Advent-Wohlfahrtswerk (AWW) und adventistische Theologische Hochschule Friedensau bei Magdeburg.

In dem 24-seitigen Heft wird eingangs auf die „Erklärung der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland zur aktuellen Flüchtlingssituation“ vom 22. September 2015 hingewiesen. Sie betont die christliche Verantwortung, für alle Menschen da zu sein, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Alter, Religion oder Weltanschauung. Motivation für die Zuwendung von Christen zu jedem Menschen, der Hilfe braucht, sei die im Evangelium ausgedrückte Solidarität Gottes. Adventisten wendeten sich ausdrücklich gegen jede Form von Fremdenfeindlichkeit.

An Bedürfnissen orientiert
In der Einführung geht es um die Begriffe „politisch Verfolgte“ und „Kriegsflüchtlinge“ sowie um die Integration der Schutzsuchenden. Ausserdem wird erläutert, was das Ehrenamt leisten kann und wo professionelle Intervention notwendig ist. Betont wird: „Hilfsbereitschaft sollte sich immer an Bedürfnissen orientieren und darf keinesfalls nur unseren eigenen Überschuss an Vorräten und Ressourcen anbieten.“

Adventistische Arbeitsgruppe koordiniert Flüchtlingshilfe auf Bundesebene
Für die Koordination der Flüchtlingshilfe auf Bundesebene habe die Freikirche eine Arbeitsgruppe mit Vertretern der Freikirche, von ADRA, des AWW und der Theologischen Hochschule Friedensau eingerichtet. Auf Bundeländerebene gebe es insgesamt sieben „Beauftragte für politisch Verfolgte und Kriegsflüchtlinge“ als Koordinatoren und Ansprechpartner für die ehrenamtlichen Gruppen und Helferkreise. Auf kommunaler Ebene würden adventistische Kirchengemeinden und Helferkreise innerhalb von Städten und Landkreisen in der Regel ehrenamtlich in verschiedenen Initiativen und Projekten für Flüchtlinge mitarbeiten – wo es sinnvoll erscheine, in Kooperation mit anderen Organisationen und Partnern in den Netzwerken der Flüchtlingshilfe. Soweit wie möglich sollten die Kriegsflüchtlinge angeleitet werden, sich selbst zu helfen. Die Versorgungsstruktur dürfe keinesfalls nur „von oben nach unten“ verlaufen.

Möglichkeiten ehrenamtlicher Hilfe
Was das Ehrenamt leisten kann, wird an praktischen Beispielen erläutert. Möglich wären unter anderem Sammlung und Verteilung von Sachspenden, Nachbarschaftshilfe bei Behördengängen, Sprachkurse, Nachhilfeunterricht, interkulturelle Events, sportliche Aktivitäten, Freizeitangebote und freiwillige Mitarbeit der Flüchtlinge in gemeinnützigen und öffentlichen Einrichtungen als sinnvolle Beschäftigungsmöglichkeit während über den Asylantrag entschieden wird. Die örtlichen Kirchengemeinden könnten Räumlichkeiten für Sprachkurse, Begegnungstreffen oder Kinderkrabbelgruppen zur Verfügung stellen. Wichtig sei zu bedenken: „Hilfe für Flüchtlinge ist nicht zuerst eine Sache der Gefühle, sondern des festen Willens, Menschen zu helfen und sie zu begleiten, damit sie in unserem Land an- und vorankommen.“

Das Heft „Gemeinsam für Flüchtlinge“ gehe grundsätzlich von einem Engagement in Projekten aus. Dieses orientiere sich immer an den Bedürfnissen – und zwar nicht an den eigenen, sondern an jenen der Flüchtlinge. Das bedeute: genau hinschauen, hinhören, sich einfühlen, Informationen einholen und Kontakte mit den bestehenden Netzwerken und Initiativen in der Stadt aufnehmen. Dabei sei es notwendig, die eigenen Möglichkeiten realistisch zu bewerten.

Unterstützung
Die Initiative „Gemeinsam für Flüchtlinge“ könne auch die ehrenamtliche Arbeit von adventistischen Helferkreisen finanziell fördern. Dabei müsse es sich um klar definierte und zeitlich befristete Projekte handeln, die für Flüchtlinge beziehungsweise mit ihnen gemeinsam ins Leben gerufen werden. Ehrenamtliche Gruppen und Helferkreise könnten auf Anfrage bei ihrem Projekt auch inhaltlich unterstützt werden. Die Theologische Hochschule Friedensau biete sowohl Workshops zu speziellen Fragen des Umgangs mit und des Dienstes an politisch Verfolgten und Kriegsflüchtlingen als auch eine Beratung für Planung, Management und Finanzierung von Projekten und Programmen an.

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Gedenken an adventistische Opfer des armenischen Völkermords 1915

Lüneburg/Deutschland | 26.10.2015 | APD | Menschenrechte

Vor einhundert Jahren begann das jungtürkische Regime, die armenische Bevölkerung im Osmanischen Reich systematisch zu vernichten – eine Tat von ungeheuerlicher Dimension, dem nicht nur Armenier, sondern auch Christen aramäischer, chaldäischer, assyrischer und griechischer Herkunft, dazu Katholiken und Protestanten, zum Opfer fielen. Das Ziel war die Schaffung eines neuen türkisch-islamischen Nationalstaates. Die unter dem osmanischen Sultan Abdul Hamid II. seit 1894 zunehmenden Massaker an Armeniern und anderen Christen im Osmanischen Reich erreichten während des Ersten Weltkriegs mit der Deportation in die syrische Wüste ihren Höhepunkt.

Auf Anordnung der jungtürkischen Regierung wurden am 24. April 1915 die in der damaligen osmanischen Hauptstadt Istanbul/Konstantinopel lebenden armenischen Intellektuellen festgenommen und im Landesinneren ermordet. Schätzungen zufolge verloren mehr als 1,5 Millionen Christen zwischen 1895 und 1922 in Kleinasien ihr Leben. Gut ein Viertel der Bevölkerung des Osmanischen Reiches bekannte sich bis 1914 zum Christentum, heute sind es nur noch wenige zehntausend.

Todesstoss auch für adventistische Gemeinden
Dr. Daniel Heinz, Leiter des Historischen Archivs der Siebenten-Tags-Adventisten in Europa mit Sitz an der Theologischen Hochschule Friedensau bei Magdeburg, erinnert in seinem Artikel „Im Tal des Todesschatten“ in der Oktober 2015-Ausgabe der Zeitschrift „Adventisten heute“ an das Schicksal der Adventisten während des Genozids im Osmanischen Reich. Seit 1889 habe die Freikirche in dem Land missioniert. Doch das Vorgehen der jungtürkischen Bewegung hätte auch ihren Gemeinden den Todesstoss versetzt. Nahezu 250 der knapp 450 Adventisten, die meisten armenischer Abstammung, wären laut Heinz auf grausame Weise umgekommen. Einige hätten nach Syrien, in den Libanon, nach Ägypten, in die Sowjetunion oder nach Griechenland fliehen können. Nur wenigen sei es gelungen, in die USA oder nach Frankreich zu emigrieren. Nach dem Genozid habe es nur noch etwa 100 Adventisten in der Türkei gegeben, zumeist in und um Istanbul lebend, von denen jedoch die meisten in den darauffolgenden Jahrzehnten auswanderten.

Verfolgung und Unterdrückung auf der Tagesordnung
Dass diese 250 Adventisten mit ihren Kindern und Jugendlichen als Märtyrer starben, weil sie ihrem christlichen Glauben in einer ihnen feindlich gesonnenen islamischen Welt die Treue hielten, scheine auch bis heute kaum im Bewusstsein der adventistischen Weltkirche verankert zu sein, beklagt Daniel Heinz. Von Anfang an sei die adventistische Mission im Osmanischen Reich verboten gewesen, so der Archivleiter. Verfolgung und Unterdrückung von Adventisten, deren einheimischen Buchevangelisten und Pastoren hätten auf der Tagesordnung gestanden.

Dzadur G. Baharian, der Mitbegründer und „Vater“ der adventistischen Mission im Osmanischen Reich, sei im Laufe seines 23-jährigen Missionsdienstes über dreissigmal inhaftiert worden, bevor er im Juli 1915 den Märtyrertod starb. Er wurde – so der Bericht eines am Mord beteiligten Augenzeugen – in Anatolien bei Sivas von kurdischen Milizionären umgebracht. Er sollte Christus abschwören und auf der Stelle zum Islam konvertieren. Als sich der Missionar widersetzte und die Hände zum Gebet faltete, sei er erschossen worden.

Doch bereits 1909 habe die Ermordung von mindestens sieben namentlich bekannten Mitgliedern und einiger Kinder in der Region Adana die armenischen Adventisten erschüttert. Wie viele von ihnen damals ums Leben kamen bleibe ungewiss, so Heinz. Das Massaker im Gebiet von Adana hätte etwa 20.000 armenische Todesopfer gefordert. Dzadur Baharian habe noch Schlimmeres für die Zukunft befürchtet. Um ein Auseinanderbrechen des Osmanischen Reiches zu verhindern, sei schliesslich der Islam zur Staatsideologie erhoben worden und die Christen hätten als Feinde des Reiches gegolten.

Gesichter mit Brandmalen verunstaltet
In das Bild eines religiös gefärbten Genozids, an dem ausschliesslich Muslime beteiligt gewesen seien, passe die Tatsache, dass besonders viele christliche Geistliche den Tod gefunden hätten, erläuterte Daniel Heinz. Auch adventistische Pastoren wären vor die Wahl gestellt worden, den Islam anzunehmen oder den Todesmarsch anzutreten, der mit dem Hungertod in der syrischen Wüste bei Deir ez-Zor (heute in der Nähe von Raqqa, der Hochburg des „Islamischen Staates“/IS) endete, wenn man nicht schon vorher massakriert wurde oder an körperlicher Erschöpfung starb. „Adventistische Waisenkinder, deren Eltern umgebracht worden waren, fielen der Zwangsislamisierung zum Opfer und wurden im Gesicht mit türkisch-muslimischen Brandmalen verunstaltet“, so Heinz.

Das adventistische Mädchen Serpouhi Tavoukdjian, das in einem arabischen Harem überlebte, berichtete von diesen Qualen: „Man hielt mich fest, und in Gegenwart einer grossen Menschenmenge zeichnete eine Frau den türkischen Halbmond mit den Sternen auf Stirn, Wange und Kinn. Das Tätowieren verursachte grosse Schmerzen. Ich sollte islamisch erzogen werden und den Sohn meines arabischen Herrn heiraten. Ich betete aber weiterhin zu Jesus, und Er hat mich nach Jahren des Wartens und der Einsamkeit auf wunderbare Weise aus der Sklaverei befreit.“ Serpouhi gelang es, 1924 in die USA auszureisen. Sie hielt ihre dramatischen Erlebnisse in dem Buch „Exiled: Story of an Armenian Girl“ (1933) fest.

Adventistische Pastoren ermordet
Wie Baharian seien weitere adventistische Pastoren und Missionsmitarbeiter, zum Teil mit ihren Familien, ermordet oder zu Tode gequält worden. Daniel Heinz nennt in seinem Artikel folgende Namen: E. Ayvazian (36 Jahre alt, 14 Jahre Pastor, starb 1915 an Hungertyphus bei Sivas), B. Tousdjian (40 Jahre alt, fünf Jahre Pastor, seine Frau, sein Vater und zwei Kinder wurden mit ihm 1915 bei Malatia ermordet), G. Aressian (24 Jahre alt, fünf Jahre Missionshelfer, verstarb 1917 an Erschöpfung in Thessaloniki), M. Ashikian (30 Jahre alt, vier Jahre Hilfspastor, mit seiner Frau 1915 bei Malatia ermordet), H. Apovian (30 Jahre alt, vier Jahre Hilfspastor, 1915 ermordet, seine Familie verschollen), H. Shadarifian (32 Jahre alt, vier Jahre Pastor, 1915 ermordet, später auch seine Familie), O. Pirenian (Hilfspastor, ermordet, keine weiteren Angaben) und Diran Tcherakian (46 Jahre alt, sechs Jahre Pastor, umgekommen auf einem Todesmarsch 1921 bei Diyarbakir).

Von diesen Pastoren sei ausdrücklich überliefert, dass sie ihren adventistischen Glauben öffentlich bekannt und mit ihrem Leben bezahlt hätten. Es wären noch andere adventistische Pastoren und Missionsarbeiter zu Tode gekommen, doch sei nichts Näheres über ihr Schicksal bekannt. Von über zwölf adventistischen Buchevangelisten hätten lediglich zwei die Verfolgung überlebt. Allerdings kenne man von den meisten adventistischen Opfern des Völkermords nicht einmal mehr die Namen. Die von Heinrich Erzberger, dem Schweizer Missionsvorsteher in Konstantinopel, in den Jahren 1918 bis 1920 zusammengetragene Liste der adventistischen Opfer des Genozids scheine nicht erhalten geblieben zu sein.

Im Tal der Todesschatten
Das prominenteste adventistische Opfer des Genozids – neben Dzadur Baharian – war laut Daniel Heinz der zuletzt erwähnte Diran Tcherakian. Der Hochschullehrer, Lyriker und Meister der armenischen Sprache, wurde erst 1913 Siebenten-Tags-Adventist. Nach dem Tod Baharians übernahm der Intellektuelle die geistliche Betreuung der verfolgten Mitglieder. Den furchtbaren, über eintausend Kilometer langen Todesmarsch, den er auf sich nehmen musste, beschrieb Tcherakian bis zuletzt, indem er immer wieder Briefe und geheime Nachrichten, auf Zettel gekritzelt, gegen Geld an die adventistischen Missionsangestellten in Konstantinopel überbringen liess. Auf einen dieser Zettel schrieb er 1921 kurz vor seinem Tod am Ufer des Flusses Tigris bei Diyarbakir mit zittriger Hand: „Und wenn ich auch wandere durchs Tal der Todesschatten, fürchte ich kein Unglück, denn Du, mein Gott, bist bei mir…“ (Psalm 23,4).

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Rekordergebnis für die Bibelverbreitung - Bibelgesellschaften veröffentlichen „Scripture Distribution Report“ für 2014

Stuttgart/Deutschland | 26.10.2015 | APD | Bibel

Die Bibelgesellschaften haben 2014 weltweit mehr gedruckte Bibeln verbreitet als jemals zuvor. Insgesamt wurden 428,2 Millionen biblische Schriften, ganze Bibeln, Neue Testamente, Evangelien und ausgewählte Bibeltexte, verbreitet. Nach einer Meldung der Deutschen Bibelgesellschaft teilte dies der Weltverband der Bibelgesellschaften (United Bible Societies, UBS) im jährlichen „Scripture Distribution Report“ mit.

Gegenüber 2013 stieg die Zahl der verbreiteten Bibeln um sechs Prozent. Die Verbreitungszahl für biblische Schriften insgesamt um sieben Prozent. Zusätzlich zu den gedruckten Bibeln verbreiteten die Bibelgesellschaften zwei Millionen Bibelausgaben als Hörbibeln und als Text-Download digital im Internet.

Brasilien - höchste Verbreitungszahl
Brasilien bleibt das Land mit der höchsten Verbreitungszahl, im Jahr 2014 auch befördert durch Aktionen zur Fussball-Weltmeisterschaft. „Brasilianer sind fussballverrückt“, sagt der Direktor der Brasilianischen Bibelgesellschaft, Rudi Zimmer, „und die Weltmeisterschaft war eine wunderbare Gelegenheit während des Turniers das Wort Gottes mit den feiernden Fans zu teilen“.

Höchste Bibelverbreitung in Afrika: Nigeria und Südafrika
Nigeria und Südafrika bleiben auf dem afrikanischen Kontinent die Länder mit den höchsten Bibelverbreitungszahlen. Laut UBS gab es aber auch Zuwächse in kleineren Ländern Afrikas. In der UBS-Region Europa und Naher Osten erhöhte sich vor allem die Zahl der verbreiteten Neue Testamente. „Der Anstieg vollzog sich an einigen überraschenden Orten“, erläutern die Bibelgesellschaften und nennen als Beispiele Syrien und die Ukraine. Die Verbreitungszahlen in Asien wuchsen um durchschnittlich sechs Prozent. Länder mit den höchsten Zahlen sind Indien, China und die christlich geprägten Philippinen.

Zahlen von Verlagen und Organisationen, die nicht dem Weltverband angehören, blieben bei der UBS-Statistik unberücksichtigt. Der Weltverband der Bibelgesellschaften ist der internationale Zusammenschluss von 146 nationalen Bibelgesellschaften, zu denen auch die Deutsche Bibelgesellschaft seit 1948 und die Schweizerische Bibelgesellschaft seit 1955 gehört. Die Bibelgesellschaften sind in rund 200 Ländern aktiv.

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Aktion „1.000 Bibeln für Flüchtlinge“ - Deutsche Bibelgesellschaft stellt kostenlos fremdsprachige Bibelausgaben bereit

Stuttgart/Deutschland | 26.10.2015 | APD | Bibel

Die Deutsche Bibelgesellschaft (DBG) hat die Aktion „1000 Bibeln für Flüchtlinge in Sprachen ihrer Herkunftsländer“ gestartet. Christen, die nach Deutschland kommen, soll so der Wunsch nach einer Bibel in der eigenen Sprache erfüllt werden. Bibeln stehen in sechs Sprachen bereit und werden bei Bedarf kostenlos zur Verfügung gestellt, teilte die DBG mit.

„Die Bibel in der Muttersprache ist für viele Menschen ein Stück Heimat in der Fremde“, sagt der DBG-Generalsekretär Dr. Christoph Rösel. „Für einige Flüchtlinge wäre es aber ein grosses Risiko gewesen, sie auf der Flucht bei sich zu tragen. Wir freuen uns, wenn wir jetzt mit diesen Bibelausgaben helfen können.“ Für die Aktion wählte die DBG Sprachen aus, die besonders häufig unter den Flüchtlingsgruppen vertreten sind. Es handelt sich um Arabisch, Serbisch, Albanisch, Tigrina, Urdu und Englisch. Die Bibelausgaben bezieht die DBG über die jeweiligen nationalen Bibelgesellschaften.

Einrichtungen, Arbeitsgruppen, Werke oder Kirchengemeinden ermitteln für die Aktion in den Asylbewerber- und Flüchtlingsunterkünften den konkreten Bedarf. Die einzelne Bestellung ist auf 50 Bibeln beschränkt. Die Besteller übergeben die Bibeln dann persönlich. Zunächst stellt die DBG für die kostenlose Verteilung insgesamt 1.000 fremdsprachige Bibeln bereit. Weitere Informationen unter: www.dbg.de

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Flüchtlinge so behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte - ADRA setzt sich für politisch Verfolgte und Kriegsflüchtlinge ein

Silver Spring, Maryland/USA | 26.10.2015 | APD | ADRA (Adventistische Entwicklungs- und Katastrophenhilfe)

Angesichts Tausender Flüchtlinge, die täglich in Europa eintreffen, ruft die Adventistische Entwicklungs- und Katastrophenhilfe ADRA International zu einer politischen Lösung der Flüchtlingsursachen auf. An die Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft wird appelliert, ihre Verantwortung wahrzunehmen und den Betroffenen Schutz zu gewähren.

Gleichzeitig werden in der ADRA-Erklärung Einheimische gebeten, die Flüchtlinge in ihren Orten so zu behandeln, wie sie selbst in solch einer Situation behandelt werden wollen. Das Menschenrecht auf Asyl sollte Vorrang haben. Politiker und Bevölkerung müssten verstehen lernen, dass die Behandlung von Flüchtlingen nicht davon abhängig gemacht werden könne, welche Landesgrenzen sie gezwungen seien zu überqueren noch aus welcher Religion oder Kultur sie stammen. Die Menschenwürde sollte geachtet werden. Dazu gehörten sanitäre Anlagen, sichere Unterkünfte, medizinische Versorgung und Respektierung der menschlichen Grundrechte.

Flüchtlinge sollten nicht nur mit Lebensmitteln und Unterkunft versorgt werden, sondern auch Sprachkurse sowie Vermittlung beim Umgang mit Behörden, Zugang zu vorhandenen Unterstützungen und psychosoziale Hilfe erhalten. Im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention setze sich ADRA für politisch Verfolgte und Kriegsflüchtlinge und deren Recht auf Zugang zu medizinischer Versorgung, Bildung und Sozialleistungen ein.

ADRA grenzüberschreitend tätig
ADRA selbst sei grenzüberschreitend tätig. Nach einem Bericht vom 21. September anlässlich einer Zusammenkunft von ADRA-Verantwortlichen in Mexiko unterstützen die ADRA-Organisationen International, Dänemark, Grossbritannien, Kanada, Norwegen und Schweden finanziell die Hilfe für Flüchtlinge durch ADRA-Schwesterorganisationen in Serbien, Syrien, im Irak, Libanon und Jemen.

Syrien und Irak gehörten laut Anna Lefik, Mitarbeiterin von ADRA Deutschland, zu den Ländern mit den meisten Binnenvertriebenen. Sie hätten Zuflucht in leerstehenden Gebäuden, provisorischen Behausungen und Flüchtlingscamps gefunden. Dort seien die Menschen aufgrund der schlechten hygienischen Bedingungen einem hohen Krankheitsrisiko ausgesetzt. ADRA führe deswegen Massnahmen zur Verbesserung der Hygiene durch. Dazu gehörten der Zugang zu sauberem Wasser und die Einrichtung von sanitären Anlagen. Mithilfe von psychosozialer Betreuung lernten die Betroffenen die Geschehnisse zu verarbeiten und besser mit ihrer Situation umzugehen. Erwachsene und Kinder würden mit Sprachkursen und Schulunterricht gefördert.

Transitländer
Transitländer wie Serbien stünden derzeit vor immensen Herausforderungen, so Anna Lefik. Einerseits möchten sie schutzbedürftigen Menschen helfen, andererseits werde die Belastung durch die steigende Zahl an Flüchtlingen immer grösser. Daher biete ADRA in den Transitländern gemeinsam mit anderen Organisationen Unterstützung bei den Asylverfahren, ermögliche Zugang zu grundlegenden Informationen und leiste medizinische und psychosoziale Betreuung. ADRA habe in Belgrad ein Informationszentrum in der Nähe von Bus- und Bahnhöfen eingerichtet, das als Anlaufstelle für Asylsuchende diene. Dieses Center werde auch von ADRA Deutschland finanziell unterstützt.

ADRA Deutschland
Im Ausland sei ADRA Deutschland seit Jahren in verschiedenen Projekten weltweit aktiv, so Anna Lefik. Im Inland fänden Hilfsprojekte über bestehende Strukturen statt. Dazu hätten sich die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten, die Theologische Hochschule der Adventisten in Friedensau bei Magdeburg, das Advent-Wohlfahrtswerk (AWW) sowie ADRA Deutschland in dem Bündnis „Gemeinsam für Flüchtlinge“ zusammengeschlossen.

In der Bundesrepublik fänden Hilfsprojekte über die bestehenden Strukturen der adventistischen Ortsgemeinden sowie des Advent-Wohlfahrtswerks (AWW) statt. Bei diesen Projekten stehe die Integration der Flüchtlinge im Fokus, informierte Anna Lefik. Ein gutes Beispiel sei die Kooperation des ADRA-Shops in Stendal mit dem kultur- und generationsübergreifenden Netzwerk Maranata e.V. Als Ehrenamtliche unterstützten Asylsuchende das ADRA-Shop-Team bei ihren täglichen Aufgaben und machten sich so mit dem Leben in Deutschland vertraut.

ADRA Österreich
Auch in Österreich würden die Strukturen der örtlichen Adventgemeinden genutzt, erläuterte Corinna Wagner, Mitarbeiterin von ADRA Österreich. So stelle die Adventgemeinde Mödling in Niederösterreich Räumlichkeiten zur Lernbetreuung von Flüchtlingskindern zur Verfügung. In Innsbruck (Tirol) und in Bruck an der Mur (Steiermark) würden ehrenamtliche ADRA-Helfer regelmässig Kleidung aus ihrer Kleiderkammer in Heime für Asylbewerber bringen. Auch in Villach (Kärnten) und in Braunau (Oberösterreich) betreuten Ehrenamtliche Asylbewerber mit Deutschkursen, Kleidung, Möbel und anderen Haushaltsgegenständen. Im Nordirak betreue ADRA Kurdistan Flüchtlingsfamilien im Raum Erbil. Dieses Projekt werde von ADRA Österreich finanziell unterstützt.

ADRA Schweiz
ADRA Schweiz unterstütze wie ADRA Deutschland das Flüchtlingsprojekt von ADRA Serbien in Belgrad finanziell. Das Informationszentrum sei täglich geöffnet. Dort erhielten die Flüchtlinge korrekte Informationen zu ihren Rechten. Viele Menschen wären nach der langen Reise erschöpft und teilweise auch traumatisiert. Das Zentrum biete ihnen deshalb zusätzlich eine grundlegende medizinische Versorgung sowie psychologische Unterstützung an. Es stünden Übersetzer zur Verfügung, die aus den Ursprungsländern der Flüchtlinge stammten aber auch fliessend Serbisch sprechen würden. Alle relevanten Informationen stünden zudem in sechs Sprachen zur Verfügung. Mobile Teams seien in Belgrad unterwegs, um Flüchtlinge mit konkreten Informationen zu versorgen. Zweimal in der Woche würden sie von Médecins sans Frontières-Angestellten unterstützt, damit auch in der Stadt medizinische Hilfe geleistet werden könne.

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Ökumene in Deutschland: Internationale Einflüsse und Netzwerkbildung

| 26.10.2015 | APD | Buchrezensionen

Karl Heinz Voigt, Ökumene in Deutschland: Internationale Einflüsse und Netzwerkbildung (Kirche – Konfession – Religion, Band 62), Göttingen: V&R unipress, 2014, 311 Seiten, gebunden, € 44,99, ISBN 978-3-8471-0269-4

„Kirchlich ist das 20. Jahrhundert das Jahrhundert der Ökumene. Es hat alle Kirchen verändert“, heisst es auf dem Klappentext des hier vorzustellenden Buches. Karl Heinz Voigt, Pastor i.R. der Evangelisch-methodistischen Kirche, geht darin den Voraussetzungen der Ökumene nach. Der Autor hat selbst in verschiedenen zwischenkirchlichen Gremien mitgewirkt und war zehn Jahre lang Ökumene-Beauftragter seiner Kirche.

Es mag zunächst ungewöhnlich erscheinen, dass ein Methodist sich diesem Thema widmet. Dafür gibt es aber mindestens zwei gute Gründe. Zum einen gilt nach den Worten des Autors: „Der normale Methodist ist ein ökumenischer Christ.“ Die dargestellten Entwicklungen werden daher auch aus der Perspektive einer ökumenisch selbstbewussten Minderheitenkirche entfaltet. Zum zweiten wurde dieses Thema in der kirchengeschichtlichen Forschung bisher nur am Rande beachtet. Auf akademischer Ebene befasse man sich zu wenig mit dem Phänomen der Minderheitenkirchen, so Voigt. Der evangelische Ökumeniker Reinhard Frieling, der 1970 ein Buch mit dem gleichen Titel geschrieben hat, bestätigt diese Sicht: „Voigts Werk schliesst eine bedeutsame Lücke in der ökumenischen Geschichtsschreibung.“

Das vorzustellende Buch ist in zwei ungleich grosse Kapitel unterteilt: das erste (S. 17-90) legt unter der Überschrift „Vorboten von Veränderungen im 19. Jahrhundert“ den Fokus auf die Zeit vom ersten Wittenberger Kirchentag (1848) bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Das zweite Kapitel (S. 91-269) handelt von den „Wirkungen der internationalen Ökumene in Deutschland im 20. Jahrhundert“. Das Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 markiert hier als deutliche Zäsur den Rahmen dieses ersten Bandes, dem dieses Jahr ein zweiter gefolgt ist (Karl Heinz Voigt, Ökumene in Deutschland: Von der Gründung der ACK bis zur Charta Oecumenica; eine Rezension dieses Bandes wird in einer späteren Ausgabe der APD-Informationen erfolgen). Das Buch ist mit einem Geleitwort des ehemaligen Vorsitzenden der ACK Deutschland, dem 2015 verstorbenen evangelischen Landesbischof Friedrich Weber, versehen. Es enthält einen Anhang zu Kirchenvereinigungen in Deutschland, ein Literatur- und Abkürzungsverzeichnis, sowie Personen- Orts- und Sachregister.

Ökumene in Deutschland will folgende Fragen beantworten: Wie verhielten sich die früheren Staats- und späteren Landeskirchen, die seit Jahrhunderten in territorialen Grenzen gelebt hatten, zu den weltweiten Entwicklungen? Wie wirkte sich das „Eindringen“ der international organisierten Freikirchen in ökumenischer Hinsicht aus? Zu welchen frühen Gruppierungen fand die innerdeutsche Ökumene? Den Begriff „Ökumene“ benutzt der Autor, um Beziehungen zu beschreiben, an denen Personen verschiedener Konfessionen und Denominationen nicht aus privatem Interesse, sondern im Sinne kirchlicher Repräsentation beteiligt waren.

Das Buch führt aus, warum ökumenische Ansätze in Deutschland bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts fast wirkungslos blieben. Ursache hierfür war zum einen die entlang alter Landesgrenzen geordnete Kirchenstruktur Deutschlands, die auf den Augsburger Religionsfrieden von 1555 zurückgeht: Der jeweilige Landesherr konnte die Religion seiner Untertanen bestimmen und war gleichzeitig oberster Kirchenleiter. „Territorial organisierte Kirchen mit langen Besitzansprüchen und unter einem politisch mächtigen Staatsschutz konnten das unerwünschte und ungewollte Zusammenleben mit neu in Erscheinung tretenden überwiegend freikirchlichen Körperschaften nur als Verlust der eigenen Souveränität erleben“ (S. 14).

Gegenüber den Landeskirchen in Deutschland waren die Freikirchen des 19. Jahrhunderts in der Regel international ausgerichtet, sodass von ihnen ökumenische Impulse ausgehen konnten. Dies führt zur zweiten Ursache der schwierigen Durchsetzung des Ökumene-Gedankens: „Deutsches Nationalbewusstsein und ökumenischer Internationalismus lagen genauso im Widerstreit wie die durch die beiden Weltkriege, in die Deutschland verwickelt war, miteinander ringenden europäischen Völker. Ökumenische Initiativen fanden in den Anfängen eher am Rande der verfassten Landeskirchen einen Platz als dass sie in dieselben integriert gewesen wären“ (S. 14). „Für ein offenes zwischenkirchliches Handeln“ also „waren bis zum Beginn der Weimarer Republik die kirchlichen und politischen Voraussetzungen denkbar ungeeignet“ (S. 18).

Voigts Studie macht deutlich, wie wenig selbstverständlich die heute erreichten Ergebnisse zwischenkirchlicher Zusammenarbeit sind und wie nötig eine international ausgerichtete Perspektive ist, um ihre Entwicklung zu beschreiben. Denn die zentralen Impulse für die Ökumene in Deutschland kamen von aussen: „Diese Impulse kamen weniger aus einzelnen Konfessionen als vielmehr aus den im 19. Jahrhundert in den USA - teilweise schon vorher in Grossbritannien entstandenen überkonfessionellen Aktivitäten und wurden durch charismatische Führungspersönlichkeiten vermittelt“ (S. 260).

„Da waren zuerst die Bibel- und Traktatgesellschaften mit dem Schwerpunkt in London, die weltweite Sonntagsschulbewegung mit gemeinsamen Programmen, die vielgestaltige Studentenbewegung, die bald internationale Ausmasse über die Bereiche der sog. westlichen Kirchen hinaus annahm, die Arbeit mit Jugendlichen im traditionell überkonfessionellen YMCA/CVJM, ebenso in der Heiligungsbewegung mit den typischen ‚Conventions‘, zu denen Teilnehmer aus fast allen Kirchen zusammenströmten, die Evangelisationsbewegung mit den Grossstadt-Kampagnen, weiter die konfessionsunabhängigen Studenten-Missions-Treffen, der Internationale Weltbund für Freundschaftsarbeit der Kirchen als ökumenische Friedensbewegung und schliesslich auch der Weltgebetstag der Frauen“ (S. 260).

Voigts methodistischer Blickwinkel kann selbstverständlich nicht alle Erwartungen an den Titel „Ökumene in Deutschland“ erfüllen. So moniert Archivleiter Andreas Metzing von der evangelischen Kirche im Rheinland in seiner Rezension, dass Voigts Buch „an der einen oder anderen Stelle wohl unreflektiert noch manch liebgewordenes Klischee über die Landeskirchen transportiert“ und „die für die Geschichte der Ökumene in Deutschland nicht unwichtigen Beziehungen zwischen den evangelischen Landeskirchen und der römisch-katholischen Kirche überhaupt nicht in den Blick nimmt.“ Aber das sind Dinge, die angesichts des hohen Werts der Arbeit Voigts nicht ins Gewicht fallen, wie Metzing selbst herausstellt.

Dass Adventisten nur am Rande erwähnt werden (zum Beispiel in Aufzählungen, in denen sie aus landeskirchlicher Perspektive den „Sekten“ zugeordnet wurden), liegt daran, dass die Siebenten-Tags-Adventisten (STA) im behandelten Zeitraum keinen nennenswerten Beitrag zur ökumenischen Entwicklung in Deutschland geleistet haben. Auf S. 87 wird lediglich in zeitlichem Vorgriff erwähnt, dass die Ergebnisse der interkonfessionellen Gespräche zwischen dem Lutherischen Weltbund und der Freikirche der STA (1994-1998) bei den deutschen Lutheranern auf wenig Gegenliebe stiessen.

Die Ausführlichkeit der Darstellung Voigts unter Hinzuziehung vielfältigen Quellenmaterials mit etlichen Zitaten bietet dem einschlägig Interessierten einen reichen Schatz an Informationen. Sie hat allerdings den Nachteil der drohenden Unübersichtlichkeit: dem Nicht-Spezialisten könnte aufgrund der Fülle an kirchengeschichtlichen Details schnell der Überblick verloren gehen. Es gibt nur eine Zwischenbilanz (S. 79-81). Das erste Kapitel enthält acht, das zweite sogar 18 Unterkapitel, die teilweise weiter unterteilt werden. Ein innerer Zusammenhang der Überschriften dieser Unterkapitel drängt sich beim Blick ins Inhaltsverzeichnis nicht sofort auf. Hier hätte sich der Rezensent mehr Zusammenfassendes gewünscht – kurze Zwischenbilanzen auch innerhalb der beiden grossen Kapitel zum Beispiel.

Allen kirchengeschichtlich Interessierten sowie jedem, der sich näher mit zwischenkirchlichen Beziehungen befasst, kann dieses in einer „sehr lebendigen Reihe“ (Susanne Köhler, Projektmanagerin bei V&R) und bei einem renommierten Verlag erschienene Werk Karl Heinz Voigts empfohlen werden.
Jens-Oliver Mohr

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